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Zahlreiche Teilnehmer beim Agrartag 2019

20. November 2019/in Landesverbände, LV Rheinland-Pfalz

Am Mittwoch, dem 30. Oktober 2019 fand wieder der jährliche Agrartag an der TH Bingen statt. Das Thema in diesem Jahr: Positionen in der Landwirtschaft – vom Konflikt zum Handeln.

Die Landwirtschaft befindet sich in einem großen Transformations-prozess. Die Ansprüche wandeln sich und die Landwirtinnen und Landwirte müssen sich vermehrt mit Fragen zu Umwelt- und Klimawirkungen befassen. Gleichzeitig müssen sie die Versorgung der Bevölkerung sicherstellen. Die unterschiedlichen Interessengruppen in der Gesellschaft führen auch in der Landwirtschaft dazu, dass sich zwangsläufig verschiedene Positionen entwickeln. Die einen wünschen sich eine rasche Entwicklung hin zu mehr Nachhaltigkeit. Die anderen sorgen sich, dass die Landwirtschaft die widersprüchlichen Herausforderungen nicht erfüllen kann. Die Veränderungen in der Agrarwirtschaft sind eine Mammutaufgabe – sowohl für die Fachleute als auch für die Gesellschaft. Und eine solche Aufgabe kann nur gemeinsam mit allen Interessengruppen gelöst werden. Der Agrartag am 30. Oktober 2019 widmete sich deshalb wissenschaftlichen und praktischen Lösungsansätzen zu diesen Fragen.

Zunächst dankte Fachbereichsdekan Prof. Dr. Clemens Wollny dem Hauptorganisator Prof. Dr. Tore Toews und den Sponsoren dieses Agrartages. Prof. Dr. Tore Toews führte aus, dass die EU den Mitgliedsstaaten mehr Freiheit geben möchte. VDL Landesvorsitzender Peter Jung verwies darauf, dass in Baden-Württemberg konventionelle Verbände und Ökoverbände gemeinsam gegen Umweltverbände Stellung beziehen.

Dr. Dietlinde Quack vom Öko-Institut referierte über Ansätze für eine gesellschaftliche Transformation zu mehr Nachhaltigkeit in der Fleischproduktion und im Fleischkonsum. Eine Systemanalyse sei der erste Schritt im sozialtechnischen System. Die Gestaltung der Transformation soll Vision und Ziele mitentwickeln. Vom Beispiel Frankreich könne man hier lernen. Gesellschaftliche Trends müssen hier beachtet werden. Der Verbrauch von Schweinefleisch geht zurück. Die intensive Tierhaltung wird von den Verbrauchern nicht mehr akzeptiert. Außerdem nehmen sich Frauen weniger Zeit zum Kochen und Essen. Wir müssen gesellschaftliche Trends aufgreifen. Regionale Produkte werden mehr nachgefragt. Die Verbraucher wollen heute Qualität. Fleisch soll aus innovativen Betrieben im Sinne des Tierwohls kommen. Es wird ein Ausstieg aus etablierten nicht mehr akzeptierenden Haltungsformen gefordert. Es wird eine Verschärfung des Tierschutzes und der Umweltauflagen gefordert.

Henk Smith, ein praktischer Landwirt aus den Niederlanden, referierte über erfolgreiche Landwirtschaft in den Niederlanden und Erfahrungen mit dem kooperativen Ansatz in Agrarumweltmaßnahmen. Im Jahre 2003 wurde als Pilotprojekt der „Verein Landwirtschaft Natur Obst Groningen“ gegründet Die Kooperation erhält Subventionen und verteilt diese selbst an die Landwirte. Alle Landwirte, die vorher Einzelanträge für die Subvention gestellt haben, übernimmt jetzt für einen Kostenaufwand von 35 € die Kooperation. Wichtig ist hier eine gute Organisation. Die professionelle
Bewirtschaftung ist bei einer entsprechenden Betriebsgröße möglich. Die Glaubwürdigkeit darf nicht verlorengehen. Die Kooperation wird durch einen Geschäftsführer und Mitarbeiter geführt. Das Personal muss einen hohen Sachverstand haben und führt selbst die Kontrollen auf dem Feld durch. Was als ein Experiment begann, ist heute auf 40 Gruppen gestiegen. Henk Smith verwies auf die Tatsache, dass Holland nach den USA der zweitgrößte Exporteuer für Agrarprodukte sei. Dr. Toews führte hier in der Diskussion aus, dass die deutschen Bauern keine Auflagen der EU mehr hinnehmen wollen, die nicht honoriert werden.

Dr. Jan Fresse (BLE) referierte über die Umsetzung von Agrarumweltmaßnahmen nach niederländischem Vorbild und zeigte Perspektiven für die Zusammenschlüsse in Deutschland auf. Deutschland sei zehnmal so groß wie die Niederlande. Ökoland Forderungen gibt es in den Niederlanden nicht. In den Niederlanden klären es die Landwirte untereinander und zeigen Mut zur Veränderung und Gestaltungsmöglichkeiten. Ein neues EDV-System unterstützt hier die Landwirte. Extensives Gründland wird gemeinsam gemanagt. Der Wasserschutz wird gemeinsam organisiert, wobei besonderer Wert auf den Artenschutz gelegt wird. Diese Maßnahme werden in Deutschland seit 2014 durch ELER und mit GAK gefördert. In Holland wurden 6 Mio-€ für Software investiert, wodurch die Verwaltungskosten von 42 % auf 15 % reduziert werden konnten.

Welchen Beitrag kann die zukünftige EU-Agrarpolitik im Transformationsprozess der Landwirtschaft leisten? Über dieses Thema referierte Maren Birkenstock, vom Thünen- Institut für Ländliche Räume. Maren Birkenstock stellte Rahmenbedingungen für die Gestaltung von Umweltmaßnahmen vor, wobei derzeit die Darstellung der Agrarumwelt und Klimaschutzpolitik gegenwärtig sei. Die Reduzierung des EU-Budgets um 10 bis 15 % macht diese Aufgabe schwieriger. Die Referentin stellte den geplanten Zeitplan vor, wobei eine Klarheit über den Brexit wichtig sei. Im Januar 2020 entscheide das Parlament über die Reformvorlage. Ab Juni 2020 bestehe Klarheit über das zur Verfügung stehende Budget. Entscheidende Einflüsse werden hier der Ausgang der Landtagswahlen 2021 in Baden- Württemberg und Rheinland-Pfalz, sowie die Bundestagswahlen haben. Die Referentin verwies auf das neue Umsetzungsmodell des GAP-Planes im Jahre 2020, welche Auswirkungen auf Fördersätze, Maßnahmen und Kontollen haben werden (GAP Reform = Ergebnisorientierte Implementierung). Maren Birkenstock stellte die zukünftige Agrarumwelt und die neuen Erkenntnisse im Klimaschutz vor. Eine Verwaltungsbefragung zu Agrar-Umweltaufgaben sei eine Herausforderung für die politische Entscheidungsfindung. Nach Auffassung der Referentin bringe die GAP-Reform viele Chancen.

Der Landwirt Gerhard Schmidt aus Fürfeld – Absolvent der FH 1986 versuchte, die an der Fachhochschule erworbenen Kenntnisse in die Praxis umzusetzen. Im Jahre 1991 stellte er den elterlichen landwirtschaftlichen Betrieb mit 33 ha und 30 ha Zupacht in einen ökologisch wirtschaftenden Betrieb um. Die Schweinehaltung und der Weinbau wurden aufgegeben. Heute bewirtschaftet Gerhardt Schmidt eine Betriebsfläche von 330 ha, wobei 300 ha hiervon Ackerland sind. Der Betrieb besteht aus 150 Parzellen mit einer Feldentfernung von 40 km. Der Antrag zur Beantragung der EU-Beihilfe umfasse 60 Seiten. Die Betriebsschwerpunkte sind Kartoffeln, Geldgemüse und eine Legehennenhaltung mit 4 qm Grundauslauf je Huhn. Für die Direktvermarktung spiele der Hofladen eine große Rolle. Neu aufgenommen wurde jetzt Ölrettich, Gelbsenf und Raps. Die Bio-Bäcker haben eine höheren Anspruch auf Qualität, wobei hier der Dinkel eine Hauptrolle spiele. Der Referent habe einen intensiven Kontakt zu den Kollegen in der Bioland-Regionalgruppe. Er selbst bringe über 20 Jahre seine Erfahrung im erweiterten Landesvorstand ein. Im Jahre 2012 wurde eine neue Halle von 25 x 50 m gebaut. Durch die ökologische Bewirtschaftung ist der Ertrag geringer. Er liegt bei Getreide im Mittel bei 3 t je Hektar. Bei Zuckerrüben wird ein Hektarertrag von 400 bis 500 dt erzielt.

Über Zukunftsstrategien für den Lebensmitteleinzelhandel und die Landwirtschaft referierte Lisa Kötting von der ALDI-Lebensmittelkette. Seit 2015 widme sich ALDI der Nachhaltigkeit seiner Produkte. Das Lieferketten Management sei hierbei eine große Herausforderung. In den Lieferketten liegen soziale und ökologische Risiken. ALDI habe die Bürger auf der Strasse befragt, wobei das Tierwohl den meisten Befragten am Herzen liege. Wer dann aber im Markt einkaufe, lege den größten Wert auf preiswerte Produkte. Es sei hier die Aufgabe, Qualität und Preis in Einklang zu bringen. Im Jahre 2018 habe ALDI das Label „Fair und Gut“ eingeführt. Heute habe ALDI 350 bis 400 Bio-Produkte im Sortiment. ALDI lege besonderen Wert, der menschlichen Sorgfaltspflicht nachzukommen mit einem Augenmerk auf die Lieferanten in den Herkunftsländern (Social Compliance). Die Partner müssen die Sorgfaltspflicht ernst nehmen. Wenn jeder in der Kette die Sorgfaltspflicht ernst nehme, könne dies gelingen. Der Anteil an Bio-Produkten erhöhe sich ständig. Derzeit werden 8 % des Umsatzes im Bereich Bio umgesetzt. Bei Milch verkaufe sich Weidemilch als Bio-Milch am besten.

Durch erhöhten Wohlstand steigt weltweit der Fleischkonsum, wobei in China die größten Steigerungsraten feststellbar sind. Öko-Landwirt Gerhard Schmidt erläuterte, wie er ohne Viehhaltung die Bodenfruchtbarkeit erhalte. Schmidt erhalte von anderen Betrieben Stallmist und kann somit die Grundsätze der Ökobewirtschaftung sichern. Es wurde festgestellt, dass Regeln zum Tierwohl national schwer durchsetzbar sind. Prof. A. Janinhoff verwies auf die Tatsache, dass RLP bei Schweinefleisch einen Selbstversorgungsgrad von nur 20 % habe. In NRW seien alle Tierbestände unter 200 Sauen verschwunden. Herr Lorenz verwies auf die Entwicklung bei der Geflügelhaltung, bei der der Marktanteil im Steigen sei. Vor allem in der Eifel wird intensiv in die Geflügelhaltung investiert, wobei der Schwerpunkt auf der Freilandhaltung liege. Die Politik lasse die Landwirte für Maßnahmen des Tierwohls im Regen stehen. Der Landwirt Kussel aus Rheinhessen sei auf einen regionalen Schlachthof angewiesen. Die Jahresproduktion von 450 Mastschweinen werden über die eigene Metzgerei vermarktet. Nach dem Agrartag hatte der VDL zu Kaffee und Kuchen, organsiert von Susan Loske, eingeladen.

Autoren:
Vorsitzender Peter Jung
Geschäftsführer Klaus Weinbach

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