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Interessante Einblicke in die Agrargenossenschaft Cobbelsdorf

Dank der Vermittlung durch Thomas Gehrke, Direktor der Bezirksdirektion Berlin der Vereinigten Hagelversicherung VVaG, konnten der VDL-Landesverband Ost und der VDAJ am 20.10.2012 Jahr die Agrargenossenschaft Cobbelsdorf in Sachsen-Anhalt besuchen. Im Frühjahr hatten die Landwirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt und Sachsen diesen Betrieb ausgewählt, um EU-Agrarkommissar Ciolos die ostdeutsche Landwirtschaft zu zeigen. Auch uns empfing der Vorstandsvorsitzender Horst Saage, Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande, mit großer Offenheit und Herzlichkeit.

Nach der Wiedervereinigung 1991 befragte Horst Saage, damaliger Vorsitzender der LPG Tierproduktion und Sohn einer alteingesessenen Bauernfamilie, die LPG-Mitglieder, wie es mit der Landwirtschaft weitergehen sollte. Bis auf drei Gegenstimmen sprach sich die große Mehrheit für die Umwandlung in eine Agrargenossenschaft aus. Saage ist stolz darauf, dass er den damaligen Flächenbestand bis heute halten und aktuell bis 2025 sichern konnte. Mit den jeweiligen Pachtvertragsverlängerungen haben die Bodeneigentümer dem Vorsitzenden das Vertrauen ausgesprochen.

Saage hat sich immer dafür eingesetzt, einen Gemischtbetrieb zu führen. Reiner Ackerbau wäre leichter gewesen, aber ihm war der Erhalt der Arbeitsplätze über die Tierhaltung wichtig. Allerdings musste auch er im Laufe der Zeit den Arbeitskräftebestand auf den seinerzeit von der Beratung empfohlenen Bestand von rund 50 Personen verkleinern.

in den vergangenen 20 Jahren wurden jeweils 2,5 Mio. Euro in die Michwirtschaft, die Sauenhaltung und in die Feldwirtschaft investiert sowie 2,5 Mio. Euro Entschädigung an ehemalige LPG-Mitglieder im Rahmen der Vermögensauseinandersetzung ausgezahlt.

Organisation der Agrargenossenschaft

Die Agrargenossenschaft hat aktuell 168 Mitglieder und 374 Pachtverträge mit Bodeneigentümern. Sie bewirtschaftet rund 3.000 ha, davon sind etwa 15 % der Fläche Eigentum der Agrargenossenschaft. Die Pachtpreise liegen bei 3,5 Euro je Bodenpunkt (bei durchschnittlich 41 Bodenpunkten). Das Eigenkapital beträgt etwa 10 Mio. Euro. Die durchschnittliche Dividende für Genossenschaftsanteile beträgt 5 %.

Die Genossenschaft beschäftigt z.Z. 50 Angestellte und drei Auszubildende. Davon arbeiten etwa 15 Mitarbeiter im Bereich Milchvieh mit rund 500 Kühen und Nachzucht, 15 Mitarbeiter einschließlich 2 Schlossern in der Feldwirtschaft und 12 bis 14 Mitarbeiter in der Sauenhaltung. Ein Schäfer kümmert sich um eine Schafherde mit rund 200 Mutterschafen und Nachzucht. Eine Bürokraft sorgt dafür, dass u.a. alle EU-Prämienanträge rechtzeitig gestellt werden. Die Betriebsprämie von z.Z. 300 Euro pro Hektar ist ein wichtiger Erfolgsfaktor.

Saage bevorzugt eher moderate Löhne mit einem durchschnittlichen Stundenlohn von 9 Euro, kombiniert mit flexiblen Weihnachtsgeld. Je nach Ertragslage fällt dieses mehr oder wenig üppig aus. 2011 musste es allerdings wegen der auf dem Halm großenteils verdorrten Ernte ausfallen.

Ein weiterer Motivationsfaktor ist die Eigenverantwortlichkeit der Mitarbeiter. So sind z.B. die einzelnen Mitarbeiter verantwortlich für „ihren“ Traktor und „ihren“ Mähdrescher, was die Wartung etc. betrifft. Bei notwendigen Ersatzinvestitionen werden sie in die Kaufentscheidungen mit einbezogen.

Entwicklung der Milchwirtschaft

Zunächst wurde mit der vorhandenen Milchviehherde in den alten Ställen weiter gewirtschaftet. Zur Arbeitserleichterung wurde ein Fischgrätenmelkstand installiert. Als 2005 im Zuge des Generationswechsels ein neuer Leiter der Milchproduktion berufen wurde, musste er nach 100 Tagen Vorschläge für die Modernisierung vorlegen. Gemeinsam entschied man sich für den Neubau eines offenen Boxenlaufstalls auf Gülle mit 500 Plätzen und einem Melkkarussell mit 32 Plätzen. Bei der Installation, insbesondere der Elektrik, setzte Saage auf örtliche Handwerker, die auch bei Störungen sofort verfügbar sind.

Die durchschnittliche Jahresmilchleistung beträgt 9.500 kg je Kuh. Die Kühe werden in vier Leistungsgruppen gehalten und erhalten eine bedarfsgerechte Futterration aus Mais- und Grassilage, Sojaschrot und entsprechenden Mineralien.

Probleme bereitet der niedrige Milchpreis von 28 Eurocent je Liter. Wirtschaftlich arbeitet dieser Bereich erst ab 35 Eurocent je Liter.

Schweinezucht für die Ferkel- undLäuferproduktion

Der Betrieb hat z.Z. 1.500 konventionelle Sauenplätze, d.h. Stallhaltung auf Gülle. Die gesamte Schweineanlage wurde 2001 modernisiert. Mit dem derzeitigen System erreicht der Betrieb eine Vermarktungsquote von 27 Ferkeln pro Sau und Jahr. Bei dem kürzlich in Brüssel beschlossenem Haltungssystem der Gruppenhaltung befürchtet Saage Verluste in der Produktion.

Feldwirtschaft

Der Betrieb baut je 400 ha Winterweizen, Wintergerste und Winterroggen an, ferner 500 ha Raps und 50 ha Zuckerrüben. Der traditionelle Kartoffelanbau wurde eingestellt, weil aufgrund des steinhaltigen Bodens die Qualitäten nicht erreicht werden.

Die Phosphordüngung erfolgt ausschließlich über die Gülle. Die Gülle wird fachgerecht sofort nach der Ausbringung mit Schleppschläuchen (von montags bis donnerstags) eingearbeitet, um unnötige Geruchsbelästigung zu vermeiden. Die Folgefrucht auf Raps wird pfluglos angebaut, um die gute Bodengare zu nutzen. Ansonsten wird vor der Bestellung gepflügt, um u.a. den Mäusebestand unter Kontrolle zu halten.

Die Erträge lagen 2012 bei rund 72 dt/ha Winterweizen, 58 dt/ha Wintergerste, 50 dt/ha Winterroggen und 38 dt/ha Raps. Die Zuckerüben werden im Lohn möglichst eine Woche vor dem Abfuhrtermin gerodet. Alle übrigen Feldarbeiten werden mit eigenen Maschinen bewältigt. Der Betrieb verfügt über drei Mähdrescher, einen Feldhäcksler und 20 Traktoren mit den nötigen Anbaugeräten.

Für das Milchvieh werden 250 ha Mais angebaut und auf 100 ha Feldgras vier Schnitte für Silage und ein Schnitt für Heu eingebracht.

Ökolandbau

Die Agrargenossenschaft betreibt auf einem örtlich getrennt liegenden Betriebsteil auf 400 ha Pachtland Ökolandbau. Dort werden eine Mutterkuhherde mit 92 Muttertieren und eine Schafherde mit 228 Mutterschafen gehalten. Da diese Flächen im Elbeüberschwemmungsland liegen, müssen die Tiere im Winter aufgestallt werden.

Entwicklungdes ländlichen Raums

In dem Bereich der Agrargenossenschaft Cobbelsdorf liegen acht Dörfer mit jeweils 80 bis 600 Einwohnern. Jedes Dorf hat seine eigene Kirche, eine ehemalige Schule, Feuerwehr etc. Es gibt dort heute so gut wie keine Ruinen und keinen Leerstand. Saage sagt, dass jeder Euro an Fördermitteln Privatinvestitionen von 3-4 Euro nach sich zieht. Die früheren LPG-Mitglieder haben ihre Entschädigungen in die Erhaltung und Verschönerung ihrer Häuser und Hofanlagen investiert. Herr Saage hat dazu beigetragen, dass die Förderprogramme von den Dörfern in Anspruch genommen wurden und ist 2011 für sein großes Engagement in zahlreichen Gremien der Verbandsarbeit und Kommunalpolitik mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande geehrt worden.

Agrarreform

Solange es Betriebsprämien gibt, sollten alle Betriebe gleichbehandelt werden. Saage ist gegen jegliche Degression und Kappung der Betriebsprämien. Mit 1,7 AK je 100 ha liege die Agrargenossenschaft in der Bewirtschaftungsintensität gleichauf mit vielen Gesellschaften bürgerlichen Rechts.

Erneuerbare Energien

Grundsätzlich hat für Saage die Nahrungsmittelerzeugung Vorrang. Wenn es wie im Moment genügend Rohstoffe gebe und wenn der Landwirtschaft kein Schaden entstehe, seien die wirtschaftlichen Möglichkeiten der erneuerbaren Energien auszuschöpfen.

Für Saage kommt die Veredlung vor der Biogasherstellung. Für ihn wäre Biogas nur denkbar für die Verwertung von Gülle und pflanzlichen Reststoffen. Er erwägt den Bau einer Biogasanlage an seine Sauenanlage zu koppeln. Dann könnte er die Abwärme für das Heizen der Schweineställe nutzen.

Wenn es ausreichend Biorohstoffe gibt, spricht aus Sicht von Saage nichts gegen eine Verwertung zu Biokraftstoff. Ein Teil der geernteten Rüben geht z.Z. in die Bioethanolproduktion.

Saage hat ebenfalls keine Einwände gegen die Nutzung von Dächern und industriellen Brachlandes für die Solarerzeugung. Alle seine Dächer sind an ein Solarunternehmen verpachtet. Saage lehnt jedoch die Photovoltaik auf landwirtschaftlich nutzbaren Flächen ab.

Der Windenergie steht er offen gegenüber. Obwohl sich in Sichtweite außerhalb seiner Felder ein Windpark befindet, hat ein in seinem Bereich ansässiger Investor die Genehmigung für nur ein Windrad bekommen, da er im Raumordnungsplan nicht als Windpark ausgewiesen ist.

Hanna Garcke

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