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05. Oktober 2015

Agrarberatung in Europa: Vor allem große und mittlere Betriebe profitieren

Forscherteam unter Leitung der Universität Hohenheim erstellt Datenbank zur Agrarberatung / Politik muss Transparenz schaffen und Angebote unterstützen

Will die Politik Innovationen in der europäischen Landwirtschaft fördern, sollte sie Beratungsangebote unterstützen und evaluieren. Diese und weitere Empfehlungen gründen auf den Ergebnissen des Forschungsprojekts PRO AKIS. Ein internationales Wissenschaftler-Team unter Leitung von Prof. Dr. Andrea Knierim von der Universität Hohenheim hat Wissenssysteme in der europäischen Landwirtschaft untersucht.

Die landwirtschaftlichen Beratungsdienste in Europa sind äußerst vielfältig strukturiert: Wo und wie Landwirte Informationen erhalten können ist in jedem Land unterschiedlich geregelt. Eine breite Übersicht über Finanzierung, Organisation und Beratungsmethoden fehlten bisher.

Jetzt hat das Forschungsprojekt PRO AKIS eine Bestandsaufnahme der Agrarberatung in 27 EU-Ländern durchgeführt. Das internationale Team von Wissenschaftlern untersuchte, wie die landwirtschaftlichen Wissens- und Informationssysteme (AKIS) in Europa funktionieren – und will damit auch die Innovationsförderung seitens der EU unterstützen.

„Um einen Überblick zu erhalten, haben wir die landwirtschaftlichen Wissenssysteme graphisch visualisiert, die unterschiedlichen Beratungssysteme klassifiziert und in einer Datenbank zusammengefasst“, erläutert Projektkoordinatorin Prof. Dr. Knierim vom Fachgebiet Ländliche Soziologie an der Universität Hohenheim. „Hinzu kommen Fallstudien aus mehreren Ländern Europas.“


Enorme Vielfalt bei der Agrarberatung

Die institutionelle Vielfalt der landwirtschaftlichen Wissenssysteme in Europa ist beeindruckend – hier einen strukturierten Überblick zu geben ist nicht leicht. Das Forscherteam hat daher graphische Übersichten für jedes Land erarbeitet, die als Poster zur Verfügung stehen (www.proakis.eu).

„Diese Diagramme stellen ein Bild des jeweiligen Wissenssystems zur Verfügung, das sich gut für eine Diagnose und Analyse von Stärken und Schwächen eignet. Natürlich müssen diese Situationsanalysen weitergeführt und immer wieder aktualisiert werden“, umreißt die Forscherin den Nutzen ihrer Arbeit.

Je nach institutioneller Situation unterscheiden sich die Beratungssysteme von Land zu Land. „Deutschland etwa ist föderal und dezentral organisiert, auch bei der Agrarberatung“, erklärt Prof. Dr. Knierim.


Kategorisierung der Angebote schafft Überblick

Um eine Grundlage für die Bewertung der Angebote und die Diskussion über Vor- und Nachteile zu schaffen, haben die Wissenschaftler die Beratung je nach Anbieter in Kategorien eingeteilt: „öffentlich“, „privat“, „von Landwirten geführte Organisation“ und „sonstige NGO“.

In elf Ländern dominieren laut PRO AKIS vor allem landwirtsgeführte Organisationen das Beratungsangebot, in acht die öffentliche Hand. In Deutschland finden sich vor allem Mischformen – zum Beispiel Angebote der Landwirtschaftskammern, die sich sowohl dem öffentlichen Sektor als auch einer Organisation von Landwirten zurechnen lassen.

„Die Umfrage zeigt weiter, dass die meisten Beratungsorganisationen große und mittlere landwirtschaftliche Betriebe als ihre wichtigsten Klienten benennen und dass Kleinbauern sowie weibliche und junge Betriebsleiter nur an nachgeordneten Stellen rangieren“, führt Prof. Dr. Knierim aus. So gut wie keine Erwähnung fänden landwirtschaftliche Angestellte, obwohl in den letzten Jahren ein wachsender Trend zu Fremd-Arbeitskräften auf den Betrieben zu verzeichnen sei.


Wachsende Konkurrenz zwischen Beratungsdiensten

In allen EU-Ländern konnten die Forscher einen Trend zu immer größerer Vielfalt der Beratungsangebote und der Anbieter ausmachen. „Das führt zu wachsender Konkurrenz untereinander, verstärkt durch neue Anbieter wie private gewinnorientierte oder gemeinnützige Organisationen“, gibt die Expertin zu bedenken.

Die Koordination des Wissensflusses werde dadurch immer wichtiger, meint Prof. Dr. Knierim. Koordinationsstellen fehlen aber einigen Ländern wie Griechenland, Polen oder Portugal. „Diese Aufgabe sollte vor allem die öffentliche Verwaltung mehr und mehr übernehmen, und auch einige von Landwirten getragene Organisationen sind dazu in der Lage.“


Empfehlungen an die Agrarpolitik

Aus den Ergebnissen leiten die Wissenschaftler Konsequenzen für die Agrarpolitik ab. Will die Politik Innovationsprozesse in der Landwirtschaft fördern, sollte sie laut PRO AKIS einige Punkte bei der Agrarberatung beachten:

1.    Diagnose des landwirtschaftlichen Wissenssystems und Förderung von Informationsflüssen und Austausch: Das AKIS-Konzept eignet sich, um einen Überblick über die landwirtschaftlichen Wissensinfrastrukturen eines Landes zu gewinnen. Es kann dazu dienen, die Stärken und Schwächen der Informationsströme im jeweiligen System zu identifizieren und so den Wissensaustausch zwischen den Akteuren und den politischen Entscheidungsträgern verbessern.

2.    Evaluation der Agrarberatung: Eine systematische Evaluation der Agrarberatung wird in den Zeiten politischer Förderung immer wichtiger: „Man braucht Kriterien, an denen man die Qualität der Beratung festmachen kann. Erst damit kann man Wissenssysteme und Beratungsdienste vergleichen“, mahnt die Expertin. Die ländliche Entwicklungspolitik solle daher eine systematische Auswertung der verschiedenen Beratungsangebote vorantreiben.

3.    Mehr Praxisorientierung in der Forschung: „Die Politik sollte Forschungsansätze fördern, die auf einen Wissensaustausch mit Landwirten setzen und auf deren Bedürfnisse ausgerichtet sind“, erklärt Prof. Dr. Knierim.

4.    Öffentliche Beteiligung an Beratungsdiensten: Beratungsdienste, die sich durch die öffentliche Hand finanzieren, sollten überall verfügbar sein. Sie gewährleisten eine unabhängige Beratung und stellen den Wissensfluss von der Forschung zum Landwirt sicher.

5.    Qualitätssicherung von Beratungsdienstleistungen: Die Politik sollte Schulungen und Weiterbildungen der landwirtschaftlichen Beraterinnen und Berater ermöglichen. „Wichtig ist es auch, Transparenz bezüglich der Qualität der Beratungsdienste zu schaffen“, so Prof. Dr. Knierim. „Dazu müssen entsprechende Förder- und Evaluierungssysteme entwickelt werden.“

6.    Spezifische Unterstützung für Kleinbäuerinnen und Kleinbauern: Der Beratungsbedarf in der kleinbäuerlichen Landwirtschaft unterscheidet sich erheblich von mittleren oder großen Betrieben, das Angebot muss daher auf diese zugeschnitten sein. „Diversifizierung, Spezialisierung oder Teilzeit-Betrieb sind Optionen, die Kleinbauern besonders interessieren“, erklärt Prof. Dr. Knierim. Auch sollte sich die Beratung auf das lokale Wissen stützen und dieses ausbauen.

7.    Ländliche Innovationsnetzwerke als Ergänzung: Ländliche Innovationsnetzwerke stellen eine ideale Ergänzung zu den Beratungsdienstleistungen dar. „Dementsprechend sollten auch sie seitens der Politik Unterstützung erhalten“, empfiehlt Prof. Dr. Knierim.


Hintergrund: Projekt PRO AKIS

Das Kürzel PRO AKIS steht für „Prospects for Farmers‘ Support: Advisory Services in European Agricultural Knowledge and Information Systems”. Das Forschungsprojekt startete im Dezember 2012 und lief im Mai 2015 aus. PRO AKIS wird über das 7. EU-Forschungsrahmenprogramm mit 1,5 Millionen Euro gefördert. Prof. Dr. Andrea Knierim ist Koordinatorin des Projektes. Projektpartner sind außer der Universität Hohenheim das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) sowie sechs weitere Forschungsinstitute in Großbritannien, Frankreich, Portugal, Polen, Bulgarien und Dänemark.

Links:
http://ec.europa.eu/research/bioeconomy/pdf/agricultural-knowledge-innovation-systems-towards-2020_en.pdf
http://www.proakis.eu/


Quelle: Universität Hohenheim, Pressestelle