Key-Visual Key-Visual Key-Visual Key-Visual
21. Februar 2013

Mit sieben Zuchttieren und acht Bauern fing alles an

Über 25 Jahre Bäuerliche Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall und damit die Erfolgsgeschichte von „Nachhaltigkeit & Qualität“ in der Fleischproduktion berichtet Rudolf Bühler.

Als die Bäuerliche Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall 1988 von acht Hohenloher Bauern gegründet wurde und antrat "es besser zu machen" als die konventionelle Konkurrenz, wurden Stimme laut wie "das hört doch schneller wieder auf wie es angefangen hat....". Dem war nicht so, denn heute umfasst die Bäuerliche Erzeugergemeinschaft über 1.400 Bauernhöfe aus der Region Hohenlohe, macht gut 100 Mio. Euro Jahresumsatz, hat einen eigenen Schlachthof, die höchsten Erzeugerpreise im Lande und das wichtigste: das schon als „ausgestorben“ bezeichnete Schwäbisch Hällische Landschwein ist gerettet! Es gibt sie wieder, diese älteste Landrasse in Deutschland, gezüchtet aus dem Import von Chinesischen Schweinen der Spezies Sus Scrofa Vittatus aus der Region Jinhua im Jahre 1820 durch den württembergischen König Wilhelm I.

Irrtum der Wissenschaft

In den 1970 er Jahren war es noch Lehrstoff an den Agrarfakultäten, dass man "bundesweit ein einheitliches industriegerechtes Schwein" produzieren müsse und der "Haustierzoo" mit den alten Rassen ein Ende haben müsse. Ansonsten wäre die deutsche Schweineproduktion nicht mehr wettbewerbsfähig. Des weiteren müsse jede Mastration 30 mg Antibiotika / kg Fertigfutter enthalten, ansonsten würde der Schweinemäster auf 15.- DM Deckungsbeitrag verzichten und sei so nicht überlebensfähig. Nun, die Wissenschaft hat sich gehörig geirrt, denn heute vertritt diese Themen wie "Erhalt der Agrobiodiversität" oder Reduzierung des Antibiotikaeinsatzes auf  ein Minimum bzw. auf rein therapeutische Verwendung,  als Futterzusatz sind diese seit 2005 sowieso schon gänzlich verboten.

Der Verfasser begann 1983 - nach mehrjähriger Auslandstätigkeit in Entwicklungshilfeprojekten und Rückkehr auf den elterlichen Betrieb nach Hohenlohe - den wenigen überlebenden Exemplaren des Schwäbisch Hällischen Landschweins auf seinem Hof Asyl zu gewähren. Gut zwei Dutzend Tiere überlebten, woraus am 11. Januar 1984 eine staatliche Tierzuchtkommission aus dem Regierungsbezirk Stuttgart sieben Tiere als reinrassig herausselektierte, mit denen ein neues Zuchtbuch für die alte Landrasse begründet wurde.

Die Rasse in Wert setzen

1986 folgte die Gründung eines Zuchtverbands für das Schwäbisch Hällische Landschwein, welcher 1998 bundesweit tierzuchtrechtliche Anerkennung erfahren hat. Doch das wirkliche Problem war dann die Rasse wieder einem wirtschaftlich tragbaren Umfeld zuzuführen. Also wurde 1988 die Bäuerliche Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall als Schwesterorganisation gegründet, um einen Markt für die alte/neue Rasse zu entwickeln und den Bauern Absatzmöglichkeiten zu schaffen. Zielvorgabe war "die Rasse in Wert zu setzen".

Bundesweit erstes „Qualitätsfleischprogramm“

Es wurde ein "Qualitätsfleischprogramm" aufgelegt, das erste in Deutschland und erstmalig wurden "freiwillige" jedoch verbindliche Erzeugerrichtlinien entwickelt welche weit über die gesetzlichen Normen für Tierhaltung hinausgingen in Punkto artgerechter Tierhaltung, Verzicht auf Antibiotika und Leistungsförderer, Futter aus der Region und dem Einsatz einer stressresistenten Genetik mit bester Fleischqualität, eben der alten Landrasse Schwäbisch-Hällisches Landschwein. Von Anfang an waren beim "Schwäbisch-Hällischen Qualitätsschweinefleisch" sowohl reinrassige Mastendprodukte zugelassen als auch F1 Kreuzungen mit reinrassiger Schwäbisch Hällischer Muttersau und Pietrain Eber. Dies war notwendig um verschiedene Märkte bedienen zu können: Reinrassige für die Gourmetszene und Kreuzungen für die Fachmetzgereien.

Erstmalig wurde bei Gründung auch eine externe Kontrolle durch ein Lebensmittelinstitut eingeführt, die SGS Hamburg war zu dieser Zeit das einzige Institut, das sich auf dieses Unterfangen einließ. Denn Fleisch- wie Industrieverbände hatten ein Problem mit dem Begriff "Qualitätsfleischprogramm": Gab es doch bislang ausschließlich den Gattungsbegriff "Schweinefleisch" und das deutsche Schweinefleisch sollte doch das bestkontrollierte weltweit sein! Nun ja, die Zeitläufte haben dies widerlegt, bis heute entwickelte sich eine breite Differenzierung am Markt mit Bio-Fleisch und Qualitätsfleischprogrammen bis hin zu EU-weit geschützten geographischen Herkunftsbezeichnungen als solches das Schwäbisch-Hällische seit 1998 bei der EU in Brüssel eingetragen ist neben so klingenden Namen wie Parma Schinken oder Champagner.

Überdurchschnittliche Erzeugerpreise

Seit Gründung der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall wurde die Vermarktung des Schwäbisch-Hällischen Qualitätsschweinefleisches konsequent als vertikale Integration über alle Wertschöpfungsketten hinweg angelegt, damit die maximale Wertschöpfung bei den Erzeugern ankommt. Dies zahlt sich in deutlich höheren Erzeugerpreisen aus, die stabil und garantiert um 0,40 € / kg Schlachtgewicht über der nationalen Schweinefleischnotiz liegen. Bei Hällischem Biofleisch liegt er derzeit bei 3,40 € / kg ohne weitere Abzüge oder sonstigen Vorkosten, Auszahlung 12 Tage nach Anlieferung am eigenen Schlachthof in Schwäbisch Hall.

Zielgruppe für die Fleischvermarktung sind die gehobenen Fachmetzgereien in Süddeutschland, die Feinkostabteilungen gehobener Warenhäuser und die Gourmetrestaurants bundesweit, die über Spedition oder Paketdienst beliefert werden. Die regelmäßige Belieferung der 450 Fachmetzgereien erfolgt mit dem firmeneigenen Fuhrpark in 30 Kühlfahrzeugen. Dazu kommen fünf hauseigene Märkte, u. a. der Regionalmarkt Hohenlohe (an der Autobahn A6 zwischen Heilbronn und Nürnberg gelegen), der als "Flagshipstore" der Erzeugergemeinschaft dient und mit gut 6,5 Mio. € Jahresumsatz zum guten Geschäftsergebnis der Hohenloher Bauern beiträgt.

Als neuere Projekte sind derzeit eine Wurstmanufaktur im Bau, direkt neben dem Erzeugerschlachthof gelegen, als auch der Einstieg in die Erzeugung von hochwertiger Tiernahrung mit einem Partner, um auch die „unedlen“ Teile und Schlachtnebenprodukte in Wert zu setzen. Bäuerliche Selbsthilfe und nachhaltige zukunftsfähige Landwirtschaft im Besten Sinne oder - Entwicklungshilfe im Inland!


Rudolf Bühler
60jähriger Biobauer in 14. Generation auf dem Sonnenhof in Wolpertshausen,
Gründer und Vorsitzender der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall.