Suche starten
Übersicht Impressum Kontakt
26.01.2010
VDL-Fachtagung „Milchmarkt am Scheideweg“

Der Milchmarkt am Scheideweg – Marktwirtschaft oder Planwirtschaft?" war das zentrale Thema der diesjährigen VDL-Fachtagung im Rahmen der 62. Landwirtschaftlichen Woche Nordhessen 2010 am 07. Januar 2010 in der Stadthalle Baunatal bei Kassel. Als Referent konnte der VDL Landesverband Hessen e.V. Herrn Dr. Burkhard Otto, Bereichsleiter beim Genossenschaft e.V., Hannover/Rendsburg, gewinnen.


Zum Milchmarkt stellte Dr. Otto zunächst fest, dass hier seitens des Staates schon immer Einfluss genommen wurde. Dabei sei an den Reichsnährstand der 30er und 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts erinnert, die grünen Pläne der 50er Jahre, die Milchmarktordnungen sowie die Milchquotenregelung, die seit 1984 den EU-Milchmarktmarkt bestimmt. Insofern könne man durchaus von planwirtschaftlichen Einflüssen reden, die nach Beschluss der EU mit dem Auslaufen der Milchquotenregelung im Jahr 2015 marktwirtschaftlichen Grundsätzen weichen sollen. Allgemein werde davon ausgegangen, dass mit dem Wegfall der Quotenregelung ein Zuwachs bei der Milcherzeugung eintreten werde. Hierbei sind auch Auswirkungen auf den Markt zu erwarten, der schon jetzt durch ein Überangebot gekennzeichnet sei. Die EU setze den Weg zur Liberalisierung des Milchmarktes allerdings unbeirrt fort, wenngleich die Intervention zunächst erhalten bleibe und ein zusätzlicher Außenschutz durch Maßnahmen zur Seuchenabwehr erfolgen könne. Nach Meinung von Dr. Otto wäre der schwächelnde Milchpreis im Jahr 2008/2009 ohne die Intervention noch weiter bis in die Nähe von 12 Cent/Liter abgerutscht. Dennoch sollten administrative Eingriffe in den Milchmarkt abgebaut werden. „Preisverhandlungen sind Sache der Marktpartner", so Otto. Und mit Blick auf das laufende Milchwirtschaftsjahr ist sich Otto sicher, dass sich der augenblickliche Trend zu höheren Milchauszahlungspreisen fortsetzt. Für 2010 rechnet er mit Auszahlungspreisen von 22 bis 24 Cent/Liter. Je nach Qualität können in Ausnahmefällen auch bis zu 29 Cent/Liter erreicht werden. Dies alles vor dem Hintergrund, dass die Milchquoten derzeit nur zu 98 Prozent ausgeschöpft würden und in der EU (27) von Januar bis September/Oktober 2009 333.500 Tonnen Milch weniger angeliefert wurden. Allerdings sei auch die private Nachfrage nach Milch und Milchprodukten als Ergebnis der Wirtschaftskrise zurückgegangen. Anhand verschiedener Marktauswertungen zeigt Dr. Otto auf, dass sich die Preissituation seit September 2009 gebessert hat und sowohl am Weltmarkt als auch in den EU-Mitgliedsstaaten einen deutlichen Trend nach oben, wenngleich auch auf niedrigem Niveau, erkennen lässt. Bemerkenswert sei hierbei die enorme Volatilität der Weltmarktpreise.

Entscheidend für den Auszahlungspreis der Molkereien sei letztlich der Geschäftserfolg der Unternehmen, die in einem Markt ohne staatliche Stützungsmaßnahmen stärker gefordert werden. Bei den genossenschaftlichen Molkereien können die Mitglieder satzungemäß hierauf Einfluss nehmen. Unter den Bedingungen volatiler Märkte könnten auch die Liefer- und Vertragsbeziehungen zwischen Erzeuger und Molkerei einen anderen Stellenwert bekommen. Hier sieht Otto für die Erzeuger besondere Vorteile, wenn sie Mitglied einer genossenschaftlichen Molkerei sind. So hat eine Expertengruppe des Deutschen Raiffeisenverbandes (DRV) festgestellt, dass das bisherige Geschäftsmodell der Genossenschaften auf Basis ihrer Satzungen zahlreiche Möglichkeiten zur Weiterentwicklung und zukunftsfähigen Ausrichtung bietet. Kernpunkte können hierbei sein, dass wie bisher die Genossenschaft alle Milchmengen ihrer Mitglieder aufnimmt und im Umkehrschluss die Mitglieder und Erzeuger alle Mengen der Genossenschaft andienen müssen. Die Genossenschaft kann kein Mitglied ausschließen, sofern nicht deutliche Satzungsverstöße vorliegen. Umgekehrt kann ein Mitglied seine Mitgliedschaft jederzeit kündigen. Die Produktionsmenge bestimmt jedes Mitglied selbst und ist keinen Einschränkungen unterworfen. Um für die Mitglieder einen garantierten Marktzugang sicherzustellen, fordert Dr. Otto leistungsfähigere Unternehmen mit wettbewerbsfähigen Verarbeitungs- und Vermarktungskapazitäten. Diese werden künftig eine enge Kapitalbeziehung zwischen Unternehmen und Genossenschaftsmitglied erfordern. Idealerweise würde dazu beitragen, wenn sich Einzelunternehmen durch Fusionen zu wirtschaftlicheren Großeinheiten entwickeln könnten. Diese Entscheidung bleibe aber selbstverständlich den Mitgliedern vorbehalten. In diesem Zusammenhang werden verschiedene Alternativen diskutiert. Wahrscheinlich wird die Kapitalbeteiligung an das Liefervolumen gekoppelt. Bei Überproduktion wäre auch eine Preisdifferenzierung nach Liefermenge (A/B-Milch) denkbar. Dr. Otto stellte fest, dass es bei den Überlegungen keine Patentlösung gibt und mögliche Ansätze von den Unternehmen und seinen Mitgliedern zu bewerten, zu entscheiden und umzusetzen sind.

Die abschließende lebhafte Diskussion rundete die VDL-Fachtagung zu diesem hochaktuellen Thema ab.