10.06.2010
Die Zukunft des Buches
Das Gut, von dessen Metamorphose hier die Rede sein soll, ist altehrwürdig, sagenumwoben, fast mythisch umflort. Es riecht nach Leim und altem Leinen, nach Wissen und Intellekt, nach Träumen und anderen magischen Ingredienzien. Wer eines besitzt, hat gern auch zwei, was schließlich zur kaninchenhaften Vermehrung führt. Wer viele diese Artefakte besitzt, baut daraus einen imposanten Wand-Altar.An ihren Bücherregalen sollt ihr sie erkennen! So hieß es im bildungsbürgerlichen Zeitalter. Doch woran erkennen wir die Menschen morgen?
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Matthias Horx, Trend- und Zukunftsforscher (www.zukunftsinstitut.de)
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Als das Fernsehen seine ersten Testbilder sendete, überschlugen sich die Kulturkritiker mit der absolut sicheren Prognose vom Tode des Kinos, der Zeitschriften, des Buches und des Abendlandes sowieso. Heute gilt das sagenumwobene E-Book als finale Killer-Waffe, als Stealth-Bomber gegen die Lesekultur; ein elektronischer Homunculus, das die Seele des Literarischen raubt wie der trojanische Fürst Paris die schöne Helena.
Wenn es Prognosen gibt, die so gut wie immer danebengehen, dann ist es die Vorhersage, eine Technik würde die andere zum Verschwinden bringt. Das Pferd ist durch das Auto aus den Städten, nicht aber aus der Welt verschwunden. Der IPod ersetzte den Walkman, aber nur, weil er eine Menge Vorteile, aber nicht dessen Nachteile besitzt. Wer wird das Auto zum Verschwinden bringen? Das Elektroauto, das Hybridgefährt, der Wasserstoff-Bolide. Das Kino hat das Fernsehen, das Fernsehen das Internet überlebt. Allerdings: alle haben sich dabei verändert. Neue Technik lässt alte (Kultur-)Technik nicht aussterben, sie verwandelt sie auf evolutionäre Weise.
Es ist spannend, wie das Internet das Lesen umformt und re-generiert. Meine beiden Söhne (12 und 16) lesen wie die Weltmeister, neben dicken Abenteuerbüchern Anleitungsschinken zu interaktiven Videospielen, auch Wikipedia und Schrott auf fragwürdigen Websites, das aber in mindestens zwei Sprachen plus Cyberwelsch. Sie scannen, googeln und twittern, sie SMSn und testen und teasen auf diese Weise ihre sozialen und kognitiven Netzwerke. Manchmal kann man neidisch werden, welche soziale Flexibilität sich hier entwickelt (unsereins konnte als Kind allenfalls dumpf und trotzig in Parallelwelten zurückziehen). Faszinierend auch, wie sich gerade im Internet eine neue Buch-Rezensionskultur entwickelt, bei der jeder zerreissen und meinen und nörgeln darf. Großkritiker alleorten. Empfehlungen sind das beste Marketing-Instrument unter der Sonne. Bücher profitieren davon.
Medien sind ein Evolutionsfeld, aber Evolution heisst eben nicht Sieg des Stärkeren, sondern Entwicklung des Adaptiven. Bilder mögen ungleich reizstärker als Worte sein. Aber Worte evozieren Bilder in den genialen virtuellen Soft-Speichern unseres Hirns. Scharfe, elektronische Bilder neigen hingegen zur Überflutung der Wahrnehmungsräume.
Derzeit zeichnet sich mitten im Triumph der Bilder eine gewaltige Niederlage der medial-bildhaften Aufrüstung ab. Wenn wir aus dem Kino kommen, in dem jetzt auch schon 3-D-Orgien auf uns warten, fühlen wir uns wie erschlagen. Vor den übergrossen Hochauflösungs-Bildschirmen sehnen wir uns heimlich nach dem guten, alten, pixeligen Kleinbild, das die Welt auf einen verkraftbaren Ausschnitt reduzierte. Heute ahnen wir, das das alte Fernsehen ein Weltfilter war, kein Fernrohr.
Sehen wir es also mit den Augen des Wandels: Das Buch wird nicht nur in einer Nische überleben, es wird gerade weil es in seiner kulturellen Privilegierung bedroht ist, eine Renaissance erfahren.