08.02.2010
Lebensmittelkennzeichnung – wie viele beachten sie?
Im Rahmen einer pan-europäischen Verbraucherstudie wurden 11.700 Konsumenten über Einkaufsverhalten, Verständnis und Gebrauch von Nährwertangaben sowie Ernährungswissen befragt. Die Ergebnisse und Konsequenzen erläutern Prof. Dr. Klaus G. Grunert, Aarhus (Dänemark), und Dr. Stefan Storcksdieck genannt Bonsmann, EUFIC, Brüssel.
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Dr. Stefan Storcksdieck,
EUFIC, Brüssel
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Unausgewogene Ernährung ist ursächlich beteiligt an der Entstehung von Herz-Kreislauf-Krankheiten, Krebs, Diabetes und anderen Zivilisationskrankheiten. Aus Sicht der Ernährungspolitik soll Nährwertkennzeichnung dem Verbraucher helfen, selbständig eine gesündere Lebensmittelauswahl zu treffen. Hierzu ist es notwendig, dass Verbraucher solche Informationen wahrnehmen, verstehen und in ihren Kaufentscheidungen auch tatsächlich nutzen, und dass die Zusammensetzung ihres Warenkorbes an Lebensmitteln dadurch in eine gesündere Richtung verändert wird. Eine Studie des Europäischen Informationszentrums für Lebensmittel (EUFIC) gemeinsam mit der Universität Aarhus nahm die Aspekte Wahrnehmung, Verständnis und Nutzung näher unter die Lupe.
Drei Fertiggerichte bewerten
Mehr als 11.700 Verbraucher in führenden Supermarktketten in sechs europäischen Ländern (Deutschland, Frankreich, Polen, Schweden, Ungarn, und Vereinigtes Königreich) wurden zunächst im Laden beobachtet, anschließend zu ihrer Produktwahl befragt und zuletzt gebeten, zuhause einen ausführlichen Fragebogen rund um Ernährungswissen und Nährwertkennzeichnung auszufüllen. Unter anderem sollten die Befragten drei Fertiggerichte in bezug auf den Gehalt von mehreren Schlüsselnährwerten (Kalorien, Fett, gesättigte Fettsäuren, Salz, Zucker) beurteilen und zudem angeben, welches Produkt das gesündeste und welches das am wenigsten gesunde ist. Es handelte sich um Produkte, die im jeweiligen Land in dieser Form im Handel waren, d.h. um realistische Alternativen. Die Verbraucher wurden in den sechs Produktkategorien Fertiggerichte, Frühstückscerealien, Softdrinks, Joghurt, Salzsnacks und Süßwaren befragt.
GDA- und Ampel-Kennzeichnung
In allen Ländern wurden Produkte getestet, die auf der Vorderseite eine GDA-Kennzeichnung (Guideline Daily Amounts) hatten, da Produkte mit diesem Schema in allen sechs Ländern im Handel waren. In England und Frankreich wurden zudem Produkte mit einer Ampelkennzeichnung getestet (Sainsbury Wheel of Health in England, Intermarché Nutri-pass in Frankreich). In England wurde auch ein vom Einzelhändler Asda entwickeltes Hybridsystem aus GDA-Kennzeichnung und Ampelfarben getestet. In Deutschland wurde zudem ein vom Einzelhändler Real verwendetes System geprüft, in dem auf der Vorderseite nur eine GDA-Kennzeichnung für Kalorien gegeben war (GDA=Guideline Daily Amount = Richtwert für die Tageszufuhr).
Etwa zwei Drittel der Befragten konnten Fragen in bezug auf die Schlüsselnährwerte richtig beantworten. In England waren es sogar etwa 80%. Viele der Befragten wählten zudem das gesündeste Produkt richtig: 80% oder mehr in Deutschland, England und Frankreich, etwa 50% in Polen, Schweden und Ungarn. Bemerkenswert ist, dass in den Ländern, wo mehrere Kennzeichnungssysteme getestet wurden, es keine dramatischen Unterschiede im Anteil richtiger Antworten zwischen den Kennzeichnungssystemen gab. Im Schnitt mehr richtige Antworten gaben jüngere Befragte, Befragte aus den höheren sozialen Schichten und – nicht erstaunlich – Befragte mit besserem Ernährungswissen.
Erst kommt der Geschmack
Der Anteil an Befragten, die von sich aus nach Nährwertinformationen geschaut hatten, lag mit 27% in England am höchsten, gefolgt von 20% in Deutschland, 19% in Ungarn, 14% in Polen und Schweden, und 9% in Frankreich. Die Anteile unterschieden sich zudem nach Produktkategorie – sie waren am höchsten für Joghurt und Frühstückscerealien, also Produkte, die von vornherein als gesund betrachtet werden, und am niedrigsten für Süßwaren und Salzsnacks, also Produkte, die im allgemeinen als ungesund betrachtet werden. Der bei weitem am häufigsten genannte Grund für die Produktwahl war Geschmack, und nur eine Minderheit nannte Gesundheit und Ernährung als Hauptgrund. Bei dieser Minderheit war der Anteil an Befragten, der beim Kauf nach Nährwertinformationen gesucht hatte, erwartungsgemäß erheblich höher. Kalorien, Fett und Zucker waren die am häufigsten genannten Informationen, nach denen geschaut wurde.
Wie Verbraucher motivieren?
Aus diesen Ergebnissen folgt, dass die Mehrheit der Verbraucher durchaus in der Lage ist, anhand von Nährwertkennzeichnungsystemen gesunde von weniger gesunden Produkten zu unterscheiden – wenn sie darum gebeten werden. Offen bleibt, wie man die Konsumenten am besten motiviert, die Information eigenhändig zu suchen und zu nutzen, und ob daraus gesündere Lebensmittelwahl und Ernährung resultieren.
Dr. Stefan Storcksdieck