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15.06.2009
Urbane Kulturlandschaften – grüne Infrastruktur der Zukunft

Mit der zunehmenden Urbanisierung entstehen neue städtische Landschaften. Wie sich diese multifunktionalen Freiräume entwickeln, ergründet Professor Undine Giseke, Berlin.

Prof. Undine Giseke
Institut für Landschaftsarchitektur und Umweltplanung, TU Berlin

Man spricht von 21. Jahrhundert als dem Jahrhundert der Urbanisierung. Seit 2008 lebt nach dem UN-Weltbevölkerungsbericht erstmals mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten und diese Tendenz wird sich fortsetzen. Weltweit - mit Schwerpunkt im asiatischen Raum - entstehen neue Millionenstädte. Aber auch die alten europäischen Städte strukturieren sich um. Sie dehnen sich aus und wandeln sich zugleich im Innern. Schaut man dabei auf das Verhältnis von Stadt und Landschaft kann man fast von einem Paradox sprechen: In diesem fortschreitenden Prozess der Urbanisierung rücken sich Stadt und Landschaftnäher. Neue städtische Landschaften. Entstehen.

 

Städtische Freiräume

Dieses Phänomen wird mit einer Vielzahl von Begriffen – alten wie neuen – beschrieben: Stadtlandschaften, Urbane Kulturlandschaften oder einfach Urbane Landschaften. Sie alle beschreiben große Areale, in denen landschaftliche und bauliche Strukturen mit einander verwoben sind. Landschaft wird in ihnen zu einerDimension des Städtischen. Man könnte diese Räume als neue städtische Freiräume bezeichnen. Anders als die klassischen Stadtparks, die seit der Industrialisierung in unsere Städte kamen, sind Urbane Landschaften komplexe und heterogene Räume, die sich aus einer Vielzahl von Nutzungselementen und Nutzern zusammensetzen. Und sie dienen nicht nur der Erholung, sondern sind multifunktionale, auch produktive Räume. Forst- und Landwirtschaft stellendarin wichtige Nutzungskomponenten dar.

 

Gestalter betreten Neuland

Wie kommen diese Landschaften in unsere Städte? Im Innern der Stadt entstehen Urbane Kulturlandschaften - eher räumlich begrenzt -im Zuge der Nutzungsaufgabe von Industrie- Wohn- oder Infrastrukturflächen. So gibt es mehr und mehrBeispiele für städtische Transformationsflächen, auf denen nicht neue Stadtquartiere sondern extensive landschaftliche Freiräume entstehen. Die Umwandlung solcher Areale in Wald, Sukzessionsflächen, Auenlandschaften oder Landwirtschaftsflächen bedeutet die Rückführung von Siedlungsfläche in landschaftliche Nutzung. Projekte mit einer solchen Ausrichtung sind geprägt von der Suche nach nichtbaulichen Nachnutzungen, die zugleich attraktive und nutzbare Angebote im städtischen Kontext schaffen. Mehr und mehr verbinden sie sich darüber hinaus jedoch mit der Suche nach produktiven Landnutzungsformen wie Tierhaltung, Energiepflanzengewinnung, Fortwirtschaft. An diesen Transformationsorten wird der gewohnte Prozess der Inanspruchnahme von Landschaft für Siedlungszwecke quasi umkehrt. Dies ist unter bau- und planungsrechtlichen Gegebenheiten sowie unter ökonomischen Aspekten zahlreichen Widerständen ausgesetzt. Sowohl auf der konzeptionellen Ebene als auch in den verfahrensbezogenen und rechtlichen Fragen wird hier von den beteiligten Akteuren Neuland betreten.

Wald ist dabei eine sehr häufig angestrebte NachnutzungDies zeigen auch die Ergebnisse einer 2009 abgeschlossenen Forschungsstudie des Bundesamtes für Bau-, Stadt- und Raumforschungzur dauerhaften Renaturierung im Rahmen des Stadtumbaus. Wald ermöglicht zum einen die dauerhafte Entwicklung von räumlich wirksamen Strukturen, zum anderen lässt die Forstfläche unterschiedliche Eigentumsformen bei gleichzeitigem Gewähren einer öffentlichen Begehbarkeit zu. Doch ist Wald nicht gleich Wald. In Urbanen Landschaften reichen seine Erscheinungsformen von Relikte alter Wälder, über Aufforstungsflächen im Stadtumbau bis hin zu Sukzessionswäldern auf ehemaligen Industriearealen und neuen Waldclustern als gestalterischen Setzungen.

 

Impulse einer stadtnahen Landwirtschaft

Wie in den ruralen Kulturlandschaften ist auch an den Urbanen Kulturlandschaften die Landwirtschaft ist ein bedeutender Flächennutzer. Doch muss sie sich hier mit anderen Rahmenbedingungen auseinandersetzen als im ländlichen Raum. Die starke Flächenkonkurrenz am Stadtrand führt oft zu der Annahme, die periurbane Landwirtschaft sei ein Auslaufmodell. Frank Lohrberg konnte in seiner bereits 2001 erschienen Publikation dagegen aufzeigen, dass die stadtnahe Landwirtschaft in vielerlei Hinsicht vitaler ist als ihr ländliches Pendant und dass von ihr wichtige Impulse ausgehen.

Bisher gibt es erst wenige Projekte, die sich der kompletten Neueinrichtung landwirtschaftlicher Nutzflächen im städtischen Kontext widmen. Dabei handelt es sich zumeist um Beweidungsprojekte, mit deren Hilfe dauerhaft eine attraktive Offenlandschaft geschaffen werden soll. Doch mehr und mehr stellt sich nicht nur die Frage, welchen Beitrag Urbane Landwirtschaft als Landschaftsgestalter- und pfleger für Erholungsflächen leisten kann, sondern auch, welchen Beitrag sie unter den Herausforderungen des Klimawandels und der Nachhaltigkeit zur urbanen Ernährung leisten kann. Dabei ist klar, dass der Aspekt der Nahrungsmittelproduktion im Kontext mit den anderen Flächenfunktionen wie Erholungsnutzung oder Wassermanagement gesehen werden muss und zumindest in unseren Breiten nicht für sich steht. Urbane Kulturlandschaften können in diesem Sinne eine zukunftsorientierte multifunktionale grüne Infrastruktur für die Städte bilden. Noch gibt es viele Fragen des ob und wie. Die Forschung dazu steht erst am Anfang. Die wachsende Konkurrenz zwischen Energie- und Nahrungsmittelgewinnung und ein sich wandelndes Ernährungsbewusstsein forcieren jedoch die Auseinandersetzungen dazu auch im städtischen Raum. In London beschäftigte sich dieses Frühjahr eine Ausstellung unter dem Titel „London Yiields“ mit Urbaner Landwirtschaft. An der TU Berlin wirdgegenwärtig eine dreijährige Gastprofessur „Stadtund Ernährung“ eingerichtet, um sich diesen Zukunftsaufgaben intensiver widmen zu können.

 

Neue Formen des Dialogs

Im Unterschied zu Stadtentwicklungskonzepten, die die stadtnahe Landwirtschaft wie ein Auslaufmodell behandeln und die Grenzen zwischen Stadt und Land(wirtschaft) häufig einfach stadtauswärts verschieben, ohne nach den Konsequenzen für die Landwirtschaft zu fragen, geht es bei den neueren Entwicklungenum Konzepte, die nach Korrespondenzen und Synergien zwischen Stadt und Kulturlandschaft suchen. In der Konsequenz erfordern sie die Verzahnung von unterschiedlichen Nutzungen und Nutzerinteressen und neue Formen des Dialogs zwischen bisher getrennten Sphären. Die Regionale Wald- und Landwirtschaftsplattform im Ruhrgebiet ist ein exemplarischer neuer Kommunikationsraum in diesem Bereich.. Eine wachsende Sensibilität für die Folgen stadtregionalen Entwicklungen und die Existenzbedingungen von Landwirtschaft trifft dabei zusammen mit veränderter Rahmenbedingungen der städtischen Freiraumproduktion und –kultur und eröffnet die Möglichkeiten für konzeptionelle Ansätze, die über das ornamental farming vergangener Zeiten weit hinausgehen..

 

Mit welchen Mitteln kann die Qualifizierung Urbaner Kulturlandschaften erfolgen?

Bezogen auf traditionelle Kulturlandschaften haben wir viele Bilder im Kopf. Die Entwicklung Urbaner Landschaften wirft dagegen neue Fragen auf, nutzungsstrukturelle wie gestalterische: Welche Art von Landschaftsstruktur kann als produktive grüne Infrastrukturentstehen? Wie kann sie zu schöner Landschaft werden? Wer bewirtschaftet oder übernimmt die Flächen?Welche nachhaltige Raumstruktur lässt sich etablieren? Dabei kristallisieren sich neue Schnittstellen zwischen verschiedenen Disziplinen wie Stadtentwicklung, Landschaftsarchitektur,Land- und Forstwirtschaft, aber auch neue Kooperationsnotwendigkeiten heraus.

Inhalt

Urbane Kulturlandschaftensind – anders als Parks - das Produkt des Zusammenwirkens ganz unterschiedlicher Akteure und unterschiedlicher Allianzen:Land- und Forstwirte, Straßen- und Wasserbauer, Bewohner und Wohnungsgesellschaften, Naturschützeroder Industrieunternehmen, sie alle werden zu Mitgestaltern. Doch ohne eine gemeinsame Landschaftsvision können keine attraktiven städtischen Lebensräume entstehen. Hierfür neue Gestaltungsansätze, Bilder und Verfahren zu entwickeln, ist eine sehr reizvolle Aufgabe zukünftiger Stadtentwicklung.