Vor dem Hintergrund der Klimaveränderungen, der Begrenztheit der Ressourcen und der Abhängigkeiten von wenigen Energielieferanten, der Probleme in der Landwirtschaft sowie infrastruktureller Veränderungen in Dörfern allgemein werden neue, sozial akzeptierte, ökologisch und ökonomisch tragbare Konzepte gesucht, die auch künftigen Generationen faire Lebenschancen garantieren.
Professor Dr. Jutta Geldermann Professur für Produktion und Logistik, Universität Göttingen
Hohe Erwartungen werden in die energetische Nutzung von Biomasse gesetzt, die in Strom, Wärme, Kälte und Kraftstoffe transformiert werden kann. Allerdings ist der Flächenbedarf erheblich und kann zu einer Verschärfung der Nutzungskonkurrenzen zwischen Nahrungsmittel- und Futtermittelerzeugung einerseits und der Bioenergie andererseits führen. Zahlreiche aktuelle Forschungsprojekte erarbeiten neue Lösungsmöglichkeiten.
Allerdings werden Fragen der Logistik häufig unzureichend beantwortet. Die betriebswirtschaftlichen Standardmodelle sind nur begrenzt nützlich, wenn das Transportgut saisonal anfällt, wie beispielsweise Zuckerrüben während der Erntekampagne. Weitere Besonderheiten sind Gewichtsverluste während des Transports oder Verlust von Trockenmasse, z.B. durch Verwehungen. Insbesondere bei Produkten mit geringer Haltbarkeit, wie Schnittblumen, Fleisch oder Milcherzeugnissen, ist das reibungslose Funktionieren von Transportketten wichtig, denn Unterbrechungen der Kühlkette können zu erheblichen Verlusten oder gar Folgeschäden beim Verarbeiten verdorbener Rohstoffe führen.
In techno-ökonomischen Analysen zur Sicherstellung und Verbesserung der logistischen Kette sind daher diese Besonderheiten zu beachten. Auf die Erfahrungen der einzelnen Branchen, die in dieser Ausgabe geschildert werden, kann dabei zurückgegriffen werden. In Zukunft gilt es jedoch, die Logistik noch zielgerichteter zu gestalten, z.B. mit Hilfe besser geeigneter Transportmittel oder besser abgestimmter Steuerungsmechanismen. Eine isolierte Betrachtung einzelner Transportaufgaben reicht dazu nicht aus. So werden heutzutage mehr oder weniger effiziente und wirtschaftlich vorteilhafte Lösungen gefunden, indem einzelne Variationsrechnungen und Wirtschaftlichkeitsvergleiche bestimmter Anlagenkonstellationen durchgeführt werden. Zukünftig werden Produktions- und Distributionssysteme in integrierten Ansätzen optimiert, indem gesamte Prozessketten inklusive anfallender Reststoffe und deren mögliche Aufbereitung berücksichtigt werden.
Ein Beispiel ist das interdisziplinäre Verbundvorhaben „Nachhaltige Nutzung von Energie aus Biomasse im Spannungsfeld von Klimaschutz, Landschaft und Gesellschaft“ des Interdisziplinären Zentrums für Nachhaltige Entwicklung (IZNE) der Universität Göttingen, das vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur von 2009 bis 2012 gefördert wird.
Ein Schwerpunkt befasst sich mit der Modellierung und Optimierung des Produktions- und Distributionssystems für Bioenergiedörfer. Nur wenn die Herausforderungen der „grünen Logistik“ gelöst werden können, ist eine nachhaltige Versorgung mit landwirtschaftlichen Produkten möglich.