Suche starten
Übersicht Impressum Kontakt
23.04.2008
Weltagrarmärkte im Umbruch

Die Weltagrarmärkte sind in Bewegung geraten. Die Preise wichtiger Agrarrohstoffe sind in den letzten Jahren explodiert und liegen auf historisch hohem Niveau. Experten gehen davon aus, dass dies auch längerfristig so bleiben wird. Zwar wird ein leichtes Abschmelzen des extremen Preissockels von 2007 für die meisten Rohstoffe erwartet, doch insgesamt sieht man die Agrarpreise im Aufwärtstrend.

Prof. Dr. P. Michael Schmitz
Institute of Agricultural Policy and Market Research


Als Gründe hierfür werden genannt:

  • Die steigende Nachfrage nach höherwertigen Nahrungsmitteln am Weltmarkt infolge von Bevölkerungs- und Einkommenswachstum sowie von Urbanisierung in Schwellen-, Erd­öl­export- und Transformationsländern.
  • Eine weltweit zunehmende, massiv staatlich geförderte und durch hohe Energiepreise ge­triebene Umwidmung von Agrarflächen zur Produktion von Bioenergie anstelle von Nah­rungsrohstoffen und Futtermitteln.
  • Der bereits erfolgte und noch zu erwartende schrittweise Abbau der Handelsschranken im Rahmen der Welthandelsgespräche, vor allem die Senkung von Protektion und Agrar­überschüssen in Hochpreisländern.
  • Das seit vielen Jahren zu beobachtende Absinken der Lagerbestände wichtiger Agrar­rohstoffe, die inzwischen auf einem historischen Tiefstand angekommen sind.

Neben diesen eher mittel- bis langfristig wirksamen Fundamentalfaktoren waren in jüngster Zeit aber auch noch weitere Treiber für die extreme Preisentwicklung verantwortlich. Aus­geprägte Dürreperioden in Australien und Produktionsrückgänge in wichtigen Agrarexport­ländern haben zweifellos ihren Beitrag ebenso geleistet wie das neuerwachte Interesse der Kapitalanleger und Spekulanten an Agrarrohstoffen. Mehr als bisher scheinen somit die Agrarmärkte mit den internationalen Energie- und Kapitalmärkten verknüpft zu sein und deren Gesetzmäßigkeiten zu unterliegen.

Landwirte und ihre Marktpartner müssen sich darauf einstellen. Volatilere Märkte erfordern ein professionelles Risikomanagement und ein sorgfältiges Monitoring. Bei weltweit knapper werdenden Flächen muss zudem intensiver produziert werden. Dass dies nachhaltig ge­schehen sollte, ist eine Selbstverständlichkeit und kann nur mit modernen Betriebsmitteln und innovativer Technik geleistet werden. Hier sind vor allem die Hersteller von Pflanzenschutz- und Düngemitteln, von Landtechnik und Saatgut sowie von Futtermitteln gefordert. Auch Handel und Logistik werden bei offenen Grenzen eine zunehmende Bedeutung erfahren und neue Konzepte entwickeln. An unternehmerischem Geschick und Gespür mangelt es dabei in der Nahrungskette Europas und Deutschlands nicht. Der Engpassfaktor zur Ausschöpfung der vollen Potenziale liegt vielmehr in der Wirtschafts- und Agrarpolitik. Wirtschaftspolitisch sind es vor allem die vergleichsweise hohen Arbeits- und Energiekosten, sowie Steuern und Abgaben, die die Wettbewerbsfähigkeit der Sektoren beschränken.

Agrarpolitisch ist zu kritisieren, dass

erstens die Ausdehnung der Produktion bei Milch, Zucker und anderen Teilbereichen durch strikte Quotensysteme nach wie vor begrenzt ist;

zweitens infolge der obligatorischen Flächenstilllegung, umfangreichen Extensivierungs­programme und der den Landwirten abverlangten Bereitstellung von Ausgleichsflächen für den Naturschutz das volle Potenzial der Ackerproduktion nicht genutzt wird;

drittens die Bioenergie EU-weit zu Lasten der Nahrungs- und Futtermittelproduktion und im Übrigen auch der stofflichen Verwertung nachwachsender Rohstoffe massiv gefördert wird;

viertens das für offene Märkte notwendige Instrumentarium zur marktnahen Exportförderung und Risikoabsicherung in der EU noch unterentwickelt ist und

fünftens die Entwicklung bzw. der Einsatz neuer Technologien und moderner Betriebsmittel massiv behindert wird, wie die Beschränkungen bei den Sojaimporten mit drohender Eiweiß­lücke und bei den Pflanzenschutzmitteln mit drohender Wirkstofflücke.

Die Zeit ist also reif und günstig, über einen grundlegenden Wandel der EU-Agrarpolitik nachzudenken, weg von Konservierung und übertriebener staatlicher Alimentierung hin zur Förderung von Wettbewerbsfähigkeit und Innovation und einer Stärkung der Marktkräfte bei offenen Grenzen. Hierzu gehören vor allem die Aufhebung aller Beschränkungen für die Produkt- und Techno­logieentwicklungen, ein Abbau der Bürokratie und eine Bioenergie­politik mit Augenmaß, die auf Konsum- und Investitionslenkung verzichtet und die die Kon­kurrenz­fähigkeit anderer Stand­orte sowie alternativer Energielinien im Auge behält. Schließ­lich ist die EU vor allem ein geeigneter Standort für die Produktion hochwertiger varianten­reicher Agrarprodukte und Nahrungsmittel. Dort hat sie ihre komparativen Vorteile und auch Exportchancen und nicht in der Produktion homogener Massenware der Bioenergie.

Beim Umbau der Agrarpolitik ist dabei Eile geboten, weil ansonsten andere Spieler die inter­natio­na­len Märkte besetzen und ausbauen. Einmal verlorene Märkte sind nur schwer wieder zurück­zugewinnen.