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04.04.2008
Versorgungsengpässe bei Futtermitteln zu befürchten

Futtergetreide ist so knapp wie seit 30 Jahren nicht mehr. Kommt es bald zu größeren Engpässen in der Futtermittelversorgung für die deutsche und europäische Tierproduktion? Eine Marktanalyse von Dr. Knut Schubert (Bonn).

Dr. Knut Schubert
Marktreferent, Deutsche Verband Tiernahrung e. V. (DVT, Bonn-Beuel

Die deutsche Mischfutterbranche hat im Kalenderjahr 2007 mit einer Absatzmenge von über 21,3 Mio. Tonnen ein Rekordergebnis erzielt. Noch nie wurde so viel Mischfutter in Deutschland produziert wie im vergangenen Jahr. Im Vergleich zum bereits produktionsstarken Jahr 2006 sogar rund 1 Mio. Tonnen mehr. Damit unterstreichen die Mischfutterhersteller ihre Position als wichtige Dienstleister und Partner der heimischen Veredelungsproduktion, die einen maßgeblichen Anteil an der Futterversorgung landwirtschaftlicher Nutztiere tragen.

So erfreulich sich die Umsatzsteigerung der Mischfutterindustrie vordergründig auch liest, es wäre fahrlässig die besonderen Gegebenheiten auf der Bezugs- und Absatzseite außer Acht zu lassen. Bezüglich der Rohwarenverfügbarkeit und –preisentwicklung hat sich die Situation in 2007 schlagartig geändert. Getreide als bedeutendster Energielieferant in der Tierernährung ist weltweit so knapp wie zuletzt vor über 30 Jahren. Die Preissprünge seit Mitte des vergangenen Jahres haben die hiesigen Landwirte dazu veranlasst, ihr eigen produziertes Getreide zu Höchstpreisen zu verkaufen, um ihre Viehbestände mit industriell hergestelltem Mischfutter zu füttern. Es ist gut möglich, dass dieser Trend anhält. Fachleute prognostizieren bereits seit längerem ein Ende der Überschusszeiten auf dem Weltgetreidemarkt und erwarten eine auf Sicht weiter steigende Nachfrage, mit welcher der durchschnittliche jährliche Produktionszuwachs kaum Schritt halten kann.

Dauerhafte Rohwaren-Import-Abhängigkeit?

Neben der zunehmenden Nahrungs- und Futtermittelnachfrage – vor allem aus den bevölkerungsstarken Schwellenländern im asiatischen Raum, wie China und Indien, - steigen wichtige Getreideproduzenten wie beispielsweise die Europäische Union und die USA verstärkt in die staatlich geförderte Gewinnung von Bioenergie auf pflanzlicher Basis zur Kraftstoff- und Stromversorgung ein. Der Zweck dieser Maßnahme soll das Erreichen vorgegebener Klimaschutzziele sein, aber auch die Schaffung einer Alternative für die zur Neige gehenden fossilen Energieträger darstellen. Inwieweit diese Ziele realistisch sind, darf durchaus infrage gestellt werden. Tatsache ist jedoch, dass allen voran die EU und die USA diesbezüglich Beschlüsse verfasst haben, die eine Marschroute bis zum Jahr 2020 und darüber hinaus festlegen.

Betrachtet man die nationale Umsetzung der EU-Vorgaben in Deutschland, so ist bereits jetzt zu erkennen, wie die Festschreibung von Biokraftstoffquoten erhebliche Nachfrageimpulse bei den Energie liefernden Rohstoffen impliziert. Gleiches gilt für die Einspeisevergütung von auf Basis nachwachsender Rohstoffe in Biogasanlagen erzeugtem Strom (Erneuerbare-Energien-Gesetz - EEG). Deutschland hat hier eine Vorreiterposition innerhalb der EU inne, die auch zu Lasten der hiesigen Nutztierhalter und Futtermittelwirtschaft geht. Um die Futterkostenexplosion im Rahmen zu halten, findet die Mischfutterindustrie aktuell nur einen Ausweg über den Import von Rohwaren, so dass in den letzten Monaten erhebliche Mengen an Sorghum und Mais aus Nord- und Südamerika ihren Weg nach Europa gefunden haben. Auch Tapioka wird in den Mischungen vermehrt wieder berücksichtigt. Es ist nicht auszuschließen, dass hieraus auf Dauer eine gewisse Importabhängigkeit entsteht, wenn die nationale bzw. europäische Produktion an pflanzlichen Energieträgern nicht mehr imstande ist, die Futtermittel- und Nahrungsmittelindustrie sowie die Hersteller von Bioenergie ausreichend mit Ware zu versorgen.

GV-Sorten drängen auf den Markt

Auf einem anderen Gebiet haben wir diese Abhängigkeit von Importen bereits seit einigen Jahren: Auf dem Sektor der Futtereiweißlieferanten in Form von Sojabohnen bzw. –schrot. Eine Schweine- und Geflügelproduktion ohne die Fütterung von Sojaschrot ist schlicht undenkbar, will man noch einigermaßen konkurrenzfähig im internationalen Wettbewerb bestehen. Umso fataler erscheint die Entwicklung hinsichtlich der Regelungen und Zulassung von gentechnisch veränderten Nutzpflanzen (GVO) in der Europäischen Union. Wegen der Verzögerungen im europäischen Zulassungsverfahren werden Rohwarenimporte massiv erschwert. Davon betroffen sind schon heute Maiserzeugnisse (z. B. Cornglutenfeed, dessen Einsatz im Mischfutter rapide abgenommen hat), mit Blick auf die nächsten Jahre sehr deutlich allerdings gerade Soja.

Ein Großteil der Rohware stammt heute schon von gentechnisch veränderten Sorten aus Drittländern. Die Anbauländer setzen dabei bewusst auf die grüne Gentechnik, um mithilfe verschiedener Resistenzen eine notwendige Ertragsstabilität zu erzielen und dem Nachfragesog aus den Importnationen Stand zu halten. Der Anbauumfang dieser Sorten nimmt gemessen an der Gesamtfläche rasant zu, gleichzeitig werden im Rekordtempo neue GV-Sorten für den Anbau in diesen Ländern zugelassen. Derzeit befinden sich sieben Sorten im europäischen Zulassungsverfahren, mit ungewisser zeitlicher Perspektive. Selbst wenn die europäische Sicherheitsbehörde EFSA positive Sicherheitsbewertungen vorlegt, dauert es bedingt durch politische Blockaden aus dem Kreis der Mitgliedstaaten mehrere Monate, im Extremfall über ein Jahr, bis die endgültige Zulassung vorliegt. Die in den USA für den kommerziellen Anbaustart in 2009 vorgesehenen GV-Sorten gehen in diesem Jahr schon in die Saatgutproduktion. Ein Szenario mit Spurenkontaminationen könnte bereits Ende 2008 auf uns zukommen. Da in der EU eine Nulltoleranz für nicht zugelassene Sorten gilt, drohen in naher Zukunft empfindliche Einschnitte in der Versorgung mit Proteinfuttermitteln; und das nicht erst im Jahr 2020, sondern bereits morgen. Es ist davon auszugehen, dass die Geschwindigkeit der GVO-Sortenentwicklung nicht abreißen wird, vielmehr im Gegenteil weitere für die Futtermittelwirtschaft wichtige Nutzpflanzen wie Weizen und Gerste in den nächsten Jahren in entsprechende Programme einbezogen und anschließend weltweit vermehrt werden. Länder wie China importieren immer größere Mengen an Futtermitteln. Fragen zur Gentechnik behandeln diese allein auf Wachstum orientierten Schwellenländer - wenn überhaupt - nur zweitrangig.

Knappheit bei Mineralstoffen

Abgesehen von den Makrokomponenten in Form von Energie- und Eiweißlieferanten ist auch der Mineralfuttersektor von einer vehement zunehmenden Knappheit elementarer Rohstoffe betroffen. Bei den Futterphosphaten ist binnen weniger Wochen ein erheblicher Engpass entstanden. Ware ist Anfang des Jahres 2008 oftmals nicht kurzfristig verfügbar oder nur zu teils deutlich überhöhten Preisen. Hier werden die Auswirkungen der Globalisierung gleichfalls drastisch spürbar. Denn der Nachfrageanstieg, der für die Preise verantwortlich ist, wird vorwiegend durch den asiatischen Wirtschaftsraum verursacht. Für die heimischen Mineralfutterhersteller ergibt sich daraus ein so bedeutender Versorgungsengpass, dass im Einzelfall deren eigene Produktion ins Stocken geraten kann. Die Prognosen gehen von stark schrumpfenden natürlichen Phosphorquellen in den kommenden Jahren aus, so dass derartige Lieferengpässe in einigen Jahren die Regel sein werden. Im Notfall wird in einigen Ländern auf Phosphate zurückgegriffen, die in ihrem Vorkommen nicht frei von Schwermetallen sind bzw. die gesetzlichen Grenzwerte in der EU hierfür deutlich überschreiten. Dieses sind Phosphorquellen, die für uns verschlossen bleiben.

Erhöhter Wettbewerbsdruck

Das sich verschärfende Ungleichgewicht berührt die Grundlagen der europäischen Tierproduktion und ihrer vor- und nachgelagerten Industriezweige. Bereits seit Jahren wird beklagt, dass die europäischen Nutztierhalter dem internationalen Vergleich nicht standhalten können und zu teuer produzieren. Wie soll sich das mit derlei krassen Wettbewerbsverzerrungen ändern?

Wenn im Zuge der fortschreitenden WTO-Verhandlungen die Liberalisierung der Agrarmärkte weiter vorangeht, wird sich die europäische Veredelungsproduktion auf einen zusätzlichen Wettbewerbsdruck vor allem aus Südamerika einstellen müssen. Dann geht es aber nicht mehr allein um Futtermittelrohstoffe, sondern um einen umfangreichen Import von Nahrungsmitteln in die EU – durchaus auch tierischer Herkunft wie Fleisch, erzeugt unter dem Einsatz von nicht in der EU zugelassenen GVO-Sorten.

Ohne Frage wird sich in der europäischen und vorrangig auch deutschen Agrarproduktion ein forcierter Strukturwandel in bisher unbekanntem Ausmaß den Weg bahnen. Die Mischfutterproduzenten werden im Sinne einer wachsenden arbeitsteiligen Wirtschaftsweise eine entscheidende Rolle in der Nutztierproduktion spielen. Einerseits wird es künftig noch bedeutender werden, im Hinblick auf zunehmend volatilere Rohwarenmärkte Kräfte und Erfahrungen zu bündeln und das steigende Risiko nicht zuletzt auch für den Landwirt abzufedern.

Andererseits stellt sich für die Tierernährer an den Forschungseinrichtungen und in den Mischfutterunternehmen angesichts einer dauerhaft engen Rohwarenverfügbarkeit die vorrangige Aufgabe, verstärkt in die Richtung von Alternativmöglichkeiten zu forschen und die Verwertung der vorhandenen Rohwaren in der Nutztierfütterung zu optimieren. Hier werden zukünftig Technologien zur Effizienzsteigerung in der Nutztierfütterung greifen, die ein einzelner Landwirt allein im Sinne der Futterkostenminimierung nicht mehr realisieren kann.

Auf einen Blick

Ein zunehmender Import von Rohwaren wird für die heimische Mischfutterindustrie notwendig sein, um die Futterkostenexplosion im Rahmen zu halten. Wenn die nationale bzw. europäische Produktion von pflanzlichen Energieträgern nicht mehr imstande ist, die Futtermittel- und Nahrungsmittelindustrie sowie die Bioenergie-Hersteller ausreichend mit Ware zu versorgen, entsteht daraus eine dauerhafte Importabhängigkeit.

Die zunehmenden Engpässe in der Futtermittelversorgung sind auch ein Ergebnis der politischen Blockaden der EU bei GVO-Sorten.