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04.04.2008
Witterungsbedingte Ernteausfälle bringen Probleme

Die Rohstoffmärkte sind weltweit in Bewegung geraten. Unter welchen Bedingungen sich der Wettbewerb um pflanzliche Rohstoffe – hier Nahrungsmittelerzeugung, dort Bioenergiebasis – entwickeln wird, untersucht Bernhard Chilla (Hamburg).

Bernhard Chilla
Alfred C. Toepfer International GmbH, Economics Department, Hamburg

Die Situation auf den Weltgetreidemärkten hat sich seit dem Beginn des neuen Jahrtausend vollständig gewandelt. Während in den neunziger Jahren die Produktion von Getreide die Nachfrage bei weitem überstieg, konnte in den letzten acht Jahren die Produktion den Verbrauch nur einmal, und das im Wirtschaftsjahr 2004/05, übertreffen. Bisher durfte man davon ausgehen, dass - wie im Jahr 2004 - eine Rekordernte ausreichen würde, die Bestände von Getreide wieder erheblich aufzubauen. Doch im Wirtschaftsjahr 2007/08 wurde man eines Besseren belehrt.

Getreideläger leer geräumt

Die Weltgetreideproduktion von Weizen, Mais, Gerste, Roggen Sorghum, Triticale und Reis wird für 2007/08 vom amerikanischen Landwirtschaftsministerium USDA um knapp 45 Mio. t höher als die bisherige Rekordernte 2004/05 auf 2,08 Mrd. t geschätzt. Dennoch reicht selbst diese Menge nicht, die Nachfrage zu decken. Die globalen Getreidebestände werden zum Ende des Wirtschaftsjahres 2007/08 voraussichtlich auf nur noch 300 Mio. t sinken im Vergleich zu noch 545 Mio. t im Jahr 2000/01. Das wichtige Verhältnis der Endbestände zum Verbrauch wird dann auf nur noch ca. 15 % sinken, dem niedrigsten Niveau seit 50 Jahren. Dies wird deshalb als bedrohlich angesehen, weil eine Mindestmenge am Ende eines Wirtschaftsjahres noch in den Lägern verbleiben muss, um die Versorgung bis zur neuen Ernte gewährleisten zu können. Diese niedrigen Bestände können wiederum erklären, dass die Preise erst in den letzten zwei Jahren wirklich reagiert haben. Mittlerweile sind die Getreideläger der Welt so weit geleert, dass schlechte Ernten nicht mehr abgefedert werden können.

Ethanol-Getreide-Verbrauch verfünffacht

Die wesentlichen Gründe für die hohe Nachfrage nach Getreide sind das Bevölkerungswachstum, der Anstieg des Einkommens in vielen Schwellenländern sowie die sich dadurch ergebenden Veränderungen der Ernährungsgewohnheiten. Zudem ist - im wesentlichen in den letzten drei Jahren - der Verbrauch von Getreide zur Bioethanolproduktion erheblich gewachsen. So erwarten wir in diesem Wirtschaftsjahr 2007/08 einen weltweiten Verbrauch von knapp über 2,1 Mrd. t Getreide, darunter als Futtermittel 750 Mio. t, 1,25 Mrd. t als Lebensmittel, sowie 100 Mio. t zur Herstellung von Ethanol. Damit ist der Getreideverbrauch für die Ethanolproduktion in 2007/08 schon fast 5x so hoch wie noch 2000/01. Aber in absoluten Mengen gesehen ist der Verbrauch von Getreide als Nahrungs- bzw. Futtermittel mit einem Anstieg von über 150 Mio. t viel stärker gewachsen als der Verbrauch von Getreide zur Herstellung von Ethanol.

Weizen wichtigstes Brotgetreide

Weizen stellt unter den Getreidearten immer noch das wichtigste Brotgetreide dar. Obwohl die vier der fünf höchsten Weizenernten weltweit seit 1988 in den letzten vier Jahren eingefahren werden konnten, sind die Getreidebestände vor allem in den beiden letzten beiden Jahren kräftig abgebaut worden. Der Gesamtverbrauch von Weizen weltweit ist in den letzten acht Jahren um 6 % oder 35 Mio. t gestiegen. Vor allem in einigen großen Entwicklungsländern hat der Verbrauch zugenommen, so z. B. in Ägypten, dem weltgrößten Weizenimporteur, das in den letzten 8 Jahren einen Zuwachs um knapp 30 % verzeichnete. In Indonesien etwa ist Weizenmehl ein wesentlicher Bestandteil von verarbeiteten Lebensmitteln. Dort ist der Verbrauch ebenfalls um 30 % gewachsen. Nigerias Weizenimporte haben sich in den acht Jahren nahezu verdoppelt. Auch in Indien ist der Verbrauch stark gestiegen – in den letzten acht Jahren um fast 10 %. Aber es gibt auch andere Beispiele. So ist der Verbrauch von Weizen in China in den letzten Jahren um 10 Mio. t gesunken und dürfte in 2007/08 bei 101 Mio. t liegen.

Körnermais verzeichnet von allen Getreidearten die stärksten Wachstumsraten, sowohl in der Produktion als auch im Verbrauch. Im Jahr 1998 hat er den Weizen als das Getreide mit dem größten Anteil an der Weltproduktion abgelöst. Vom gesamten Verbrauchsanstieg seit 2000/01 in Höhe von über 25 % entfallen dabei 15 % auf den Futtermittelverbrauch, aber über 55 % auf die industrielle Verwendung. Dafür verantwortlich sind vor allem die Bioethanolproduktion sowie die Stärke und Süßstoffproduktion, besonders in den USA. Aber auch in Asien steigt der Maisverbrauch deutlich an. In China ist der Verbrauch als Futtermittel seit 2000/01 um 15 % gestiegen, in Vietnam hat sich der Verbrauch verdoppelt. Zudem wächst die Bedeutung von Körnermais als Futtermittel in den Ländern der GUS-Staaten oder der EU.

Immer mehr Mais für Bioenergie

Neben dem starken Wachstum im Nahrungsmittelsektor konnte auch die Verwendung zur Ethanolproduktion, vor allem in den USA, deutlich zulegen. Auffallend ist, dass besonders in den wichtigsten Exportnationen der Welt politische Vorgaben die Produktion von Biokraftstoffen rapide vorantreiben. Weltgrößter Produzent von Ethanol sind die USA, wo im Wirtschaftsjahr 2007/08 gut 80 Mio. t Körnermais und damit ca. ¼ der amerikanischen Maisernte zu Ethanol verarbeitet werden dürften. Dies ist gegenüber 2000/01 eine Vervierfachung, die natürlich Auswirkungen auf den Weltmarkt hat. Zum einen ist die Anbaufläche daraufhin stark ausgedehnt worden auf Kosten vor allem der Sojabohnen. Und zweitens dürften so in Zukunft geringere Mengen an Mais für den Weltmarkt zur Verfügung stehen, wenn der Inlandsverbrauch weiter deutlich stärker steigen sollte als die Produktion. So könnten in den USA schon im Wirtschaftsjahr 2008/09 über 100 Mio. t Mais zu Ethanol verarbeitet werden, also knapp 1/3 der gesamten Ernte. Durch eine neue Gesetzgebung in den USA aus dem Dezember 2007 sollen bis zum Jahr 2015 15 Mrd. Gallonen Ethanol pro Jahr aus Körnermais gewonnen werden. Im letzten Kalenderjahr wurden in den USA 6,5 Mrd. Gallonen aus Mais produziert. Die Ethanolproduktion aus Getreide spielt in der EU dagegen bei weitem nicht dieselbe Rolle wie in den USA. Bisher gibt es wenige Anlagen, die tatsächlich Ethanol aus Getreide produzieren. Durch die sehr hohen Produktionskosten als Folge der hohen Rohstoffkosten in der EU werden viele Anlagen derzeit nur auf niedrigem Niveau betrieben oder sogar vollständig abgeschaltet.

Biodieselproduktion vor Expansion

Aber auch auf dem Weltmarkt für Ölsaaten scheint sich die Situation umzukehren. Nach zehn Jahren stetigen Anstiegs wird die Ölsaatenproduktion im laufenden Wirtschaftsjahr 2007/08 erstmals wieder sinken. Insgesamt hat der Verbrauch gegenüber 2000/01 um 31 % zugenommen. Seit dem Wirtschaftsjahr 2003/04 wurden so erstmals Bestände in Höhe von ungefähr 25 % weltweit abgebaut. Das Verhältnis der Bestände zum Verbrauch sinkt damit auf 14,6 % nach noch 18,4 % ein Jahr zuvor.

Vor allem in Asien und Nordafrika ist ein starkes Wachstum des Verbrauchszu verzeichnen. Zudem hat sich in der EU die Nachfrage nach pflanzlichen Ölen zur industriellen Nutzung, insbesondere der Biodieselproduktion, in den letzten acht Jahren vervierfacht. Ob die Biodieselproduktion angesichts der knappen Versorgungssituation kurzfristig noch weiter gesteigert werden kann, ist unklar. In den kommenden Jahren wird mit einer weiteren Ausdehnung der Biodieselproduktion gerechnet. In Ländern wie Argentinien und Brasilien wird in den nächsten Jahren die Beimischung von Biodiesel in konventionellem Diesel Pflicht. Aber auch in den USA wird aufgrund der neuen Gesetzgebung weit mehr Pflanzenöl als bisher zur Biodieselproduktion verwendet werden. Dennoch werden die Wachstumsraten in der Biodieselproduktion aufgrund der gestiegenen Produktionskosten bzw. Rohstoffkosten geringer ausfallen als noch im letzten Jahr vorhergesehen wurde.

Hoffen auf gute Ernten

Die hohe Nachfrage als Lebensmittel bzw. Futtermittel, das weitere Wachstum durch regenerative Energien wird kurzfristig dafür sorgen, dass die Preise für pflanzliche Rohstoffe auf dem gegenwärtig hohen, aber sehr volatilen Niveau bleiben und damit der Wettbewerb um die pflanzlichen Rohstoffe gerade erst beginnt. Abhilfe gegen die aktuelle Knappheit auf den Agrarmärkten kann nur geschaffen werden, wenn über mehr als zwei Jahre nacheinander sehr gute Ernten eingefahren werden.

Weitere Preisanstiege haben aber auch zur Folge, dass die Verwendung von knappen Gütern überdacht wird, was eventuell einen effizienteren Einsatz bspw. der Futtermittel nach sich ziehen würde. Dieses wird zwar das Wachstum in vielen Schwellenländern nicht zurückschrauben, aber die Wachstumsraten verlangsamen. Andererseits schaffen hohe Preise auch Anreize, zusätzliche Flächen in die Produktion zurückzubringen. Potentiale sind nicht nur in Südamerika, sondern auch in Osteuropa zu finden. Aber damit diese Flächen wieder ihren Weg zurück in die Produktion finden, muss erst einmal in die Infrastruktur dieser Länder investiert werden, um tatsächlich die Waren in die Nachfrageregionen zu transportieren. Da dies aber nicht kurzfristig geschehen kann, müssen die jetzt schon bewirtschafteten Flächen weltweit intensiv und effizient genutzt werden. Dieses betrifft vor allem die Gunststandorte der EU, der USA, Kanadas und Südamerikas.

Problematisch ist aber zudem, dass in letzter Zeit witterungsbedingte Ernteausfälle zu verzeichnen waren. In der EU-27 lagen die Erntemengen in 2006 und 2007 mit weniger als 260 Mio. t weit unter dem langjährigen Durchschnitt von über 270 Mio. t. In Australien, einem der wichtigsten Getreideexporteure weltweit, wurden in den letzten sechs Jahren die drei niedrigsten Getreideerträge seit 1988 verzeichnet. Dort muss auch in der Zukunft mit Produktionsausfällen gerechnet werden. Diesem entgegenzuwirken, bedarf es hoher Investitionen, beispielsweise in die Forschung trockenresistenter Sorten, um tatsächlich unter schwierigen Witterungsbedingungen hohe Erträge zu garantieren. Ein Beispiel, wie das funktionieren kann, ist derzeit auch zu finden. Der Durchschnittsertrag beim Körnermaisanbau war in den USA in den letzten fünf Jahren knapp 12 % höher als im Durchschnitt der fünf Jahre zuvor - trotz der teilweise ungünstigen Witterungsverhältnisse.

Auf einen Blick

Der globale Wettbewerb um pflanzliche Rohstoffe – hier Nahrungsmittelerzeugung, dort Bioenergiebasis – wird immer heftiger und entscheidend auch davon abhängen, ob in den nächsten Jahren witterungsbedingte Ernteausfälle zu verzeichnen sind. Es bedarf hoher Investitionen in die Forschung trockenresistenter Sorten, um auch unter schwierigen Witterungsverhältnissen hohe Erträge zu garantieren.