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Prof. Dr. Dr. h.c. Jürgen Zeddies |
Globale Märkte im Wandel
Der überaus kräftige Preisanstieg bei Getreide und Ölsaaten seit dem Jahr 2006 hat einige einmalige Bestimmungsgründe. Diese überraschend eingetretene Preisentwicklung wird teilweise allein auf die zusätzliche Nachfrage nach Getreide und Ölsaaten für die Herstellung von Biokraftstoffen zurückgeführt. Der Anteil der Welternte für die Verwendung für Bioenergie lag allerdings im Jahr 2007 noch unter 4 %. Demgegenüber ist die Nahrungsmittelnachfrage nach Getreide und insbesondere nach pflanzlichen Ölen in wenigen Jahren unerwartet kräftig gestiegen. Gleichzeitig reagiert in der landwirtschaftlichen Produktion das Angebot nur mit Verzögerung. Politische Instrumente wie beispielsweise die obligatorische Flächenstilllegung in der Europäischen Union und auch die Nutzung von weltweit ungenutzten Brachflächen sowie eine Intensivierung des Anbaus erfolgen erst mit erheblicher zeitlicher Verzögerung.
Kräftig steigende Nachfrage
In den letzten 15 Jahren bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts stieg die weltweite Nahrungsmittelnachfrage durch ein vergleichsweise hohes Bevölkerungswachstum von nahezu 1 %/Jahr und durch die Steigerung des Pro-Kopf-Verbrauchs in ähnlicher Größenordnung
In den letzten fünf Jahren und auch bis zum Jahr 2020 wird das Bevölkerungswachstum etwa auf demselben Niveau liegen, während der Pro-Kopf-Verbrauch insbesondere durch die Nachfrage wirtschaftlich boomender Schwellenländer wie China und Indien um deutlich mehr als 1 %/Jahr steigen wird. Um die Nahrungsmittelnachfrage zu decken, muss das Angebot in den nächsten Jahren um etwa 3 %/Jahr und bis 2050 um gut 1,5 %/Jahr steigen. Gleichzeitig ist zu berücksichtigen, dass von produktiven Landressourcen durch Bebauung, Erosion, Wüstenausbreitung und Klimafolgen jährlich etwa 0,2 % verloren gehen. In den letzten 15 Jahren sind diese Flächen durch Ausdehnung der agrarischen Landnutzung, insbesondere in Südamerika und Asien, überkompensiert worden. Berücksichtigt man für die Zukunft den erwarteten Landressourcenverlust (ohne weiteren Landzugewinn), muss das Angebot agrarischer Rohstoffe in den nächsten zehn Jahren mindestens um 2,2 % und danach um knapp 2 % zunehmen.
Die Trends der globalen Angebotsentwicklung für agrarische Rohstoffe lagen in den letzten 15 Jahren bei einer Wachstumsrate von etwa 1,5 %/Jahr. Der Nachfragezuwachs war in den letzten Jahren also schon deutlich höher als der Angebotszuwachs. Das hat zum Abbau der Vorräte, zu regionalen Angebotsverknappungen und Preissteigerungen geführt. Das bedeutet allerdings nicht, dass bei höheren Preisen mittelfristig nicht mit einem höheren Angebot an Agrarrohstoffen zu rechnen ist.
Begrenzte Angebotspotenziale
Bilanziert man die Wachstumsraten der Nachfrage- und Angebotsentwicklung agrarischer Rohstoffe weltweit und in wichtigen Regionen der Erde – zunächst ohne Berücksichtigung des Bedarfs für nachwachsende Rohstoffe im Industrie- und Energiesektor – ergibt sich ein unterschiedliches Bild.
In Deutschland waren theoretisch schon im Zeitraum 2002 – 2005 etwa 3,2 Mio. ha landwirtschaftlich genutzte Fläche, das waren ca. 19 % der LF, nicht für die Nahrungsmittelerzeugung der Inlandsbevölkerung erforderlich. Von diesen Flächen wurden subventionierte Exporte von agrarischen Rohstoffen und Nahrungsmitteln getätigt sowie der schon überwiegende Teil dieser Flächen für die Erzeugung von Bioenergie bereitgestellt. Darüber hinaus blieben etwa 0,5 Mio. ha im Rahmen des obligatorischen Flächenstilllegungsprogramms ungenutzt. Infolge stagnierender Bevölkerung und unveränderten Pro-Kopf-Verbrauchs wird bei weiter steigenden Erträgen das für die Inlandsversorgung mit Nahrungsmitteln nicht mehr benötigte Flächenpotenzial in Deutschland bis zum Jahr 2010 auf fast 4 Mio. und bis 2020 auf über 5 Mio. ha ansteigen.
Dieser Trend wird auch in der EU 27 erwartet. In der EU-27 verfügen neben Deutschland die Länder Frankreich, Ungarn, Rumänien, Tschechien Polen u.a. über erhebliche Flächenpotenziale, die im Jahr 2020 auf ca. 30 Mio. ha für die EU-27 geschätzt werden. In der EU wird dieses Flächenpotenzial zu fast 50 % aus bisher obligatorischer Stilllegung in den Ländern der EU-15 bereitgestellt. Die restliche Fläche wird derzeit für Exporte und in einigen Ländern schon in erheblichem Umfang für die Produktion von Bioenergieträgern genutzt.
Große Chancen für europäische Agrarstandorte
Der gesamte europäische Kontinent umfasst nahezu dreimal so viel Ackerfläche und gut zweieinhalbmal so viel landwirtschaftlich genutzte Fläche wie die EU-27. Russland und andere flächenreiche Transformationsländer besitzen ein deutlich größeres Flächenpotenzial für die Agrarproduktion als die EU-27. In Erwartung stagnierender Verbrauchsentwicklung und weiter steigender Erträge sowie Innutzungnahme von Brachflächen im Osten Europas steigt das Agrarpotenzial in Europa deutlich stärker als in der EU-27. Fast 40 % der in Europa verfügbaren landwirtschaftlich genutzten Fläche wären 2020 für Drittlandsexporte an Nahrungsmitteln oder Bioenergieträger verfügbar.
Die großen Zuschussgebiete für Agrarrohstoffe und Nahrungsmittel entstehen in Asien und Afrika. Während bis zum jetzigen Zeitpunkt per Saldo dort noch Flächenpotenziale neben der Nahrungsmittelproduktion verfügbar waren, übersteigt das Nachfragewachstum die unterdurchschnittlichen Ertragszuwachsraten in den nächsten Jahren beträchtlich. Dies gilt vor allem für Afrika.
Insgesamt folgt daraus, dass die Agrarrohstoffe insgesamt knapper werden, wobei die EU und Europa insgesamt große Potenziale besitzen die Weltmärkte zu beliefern. Die bis zum Jahr 2005 bestehenden globalen über die Nahrungsmittelnachfrage hinausgehenden Agrarpotenziale von ca. 14 % der globalen Agrarfläche werden für die Deckung der Nahrungsmittelnachfrage bis zum Jahr 2020 vollständig benötigt. Es würden sogar 4 % bezogen auf die Basisfläche fehlen. Dieses Produktionsdefizit kann allerdings durch Angebotsreaktion auf die erwarteten höheren Agrarpreise zusätzlich bereitgestellt werden. Wenn jedoch nicht einmal die bisher ungenutzten aber nutzbaren Ressourcen (Brache) zur Produktion herangezogen werden, fehlen im Jahr 2020 schon etwa 25 % der Agrarfläche.
Daraus folgt auch, dass die Agrarpreise (zunächst außer Zucker) mittelfristig auf einem gegenüber den 90er Jahren höherem Niveau liegen werden. Und zwar um so mehr je weniger es gelingt die Trends der bisher nur mittelmäßigen Angebotssteigerung zu brechen. Ferner folgt daraus, dass weltweit ein enorm hoherNachholbedarf an ertragsteigernden Investitionen besteht. Gleichzeitig liegt darin der effektivste Ansatzpunkt das Angebot an Agrarrohstoffen zu steigern.
Konsequenzen für deutsche und EU-Landwirtschaft
Für die Landwirtschaft ergeben sich aus den globalen Entwicklungen weitreichende Konsequenzen. Die Folgen der 30-jährigen Periode nicht kostendeckender Agrarpreise und die daraus entstandenen Fehlentwicklungen in Produktion und Verwendung der Agrarrohstoffe sind zu beseitigen (Flächenverluste, Flächenumwidmungen, marktentlastende Extensivierung, Brache, Vernachlässigung der Forsten und Reststoffe, überzogene Lenkung der Agrarrohstoffe in hoch subventionierte Bioenergiebereiche). Es sind energieproduktive Kulturen im Anbau zu bevorzugen, zu züchten und zu nutzen. Erträge und Leistungen sind weiter zu steigern und die verfügbaren Vegetationszeiten besser zu nutzen. Effiziente Technologieentwicklung zur Überwindung der Ressourcenknappheit muss ein zentrales Anliegen der Agrarforschung sein, auch international. Sie ist der entscheidende Ansatzpunkt zur Angebotssteigerung. Eine überfällige Reduzierung der Bürokratie staatlicher Politikmaßnahmen würde auch Kapazitäten für die Angebotssteigerung und Kostensenkung freisetzen. Die Ausrichtung der Produktion auf neue Nachfragebereiche (Nahrungsmittel und/oder Bioenergie) muss nach Wertschöpfungspotenzialen optimiert werden. Agrarpreise sind Einkommens- und Kostenfaktor zugleich. Wegen zukünftig hoher Volatilität der Preise sind Chancen und Risiken von Investitionen größer geworden. Nur erfolgreiche und existenzgesicherte Unternehme(r)n können die Chancen in wertschöpfungsreichen Produktionsbereichen und Absatzmärkten profitabel nutzen. Das gilt für Landwirte gleichermaßen wie für vor- und nachgelagerte Unternehmen.
Die Weltgemeinschaft muss in Zukunft höhere Agrar- und Nahrungsmittelpreise akzeptieren. Dafür hat sie Anspruch darauf, dass die Angebotsseite – also die Landwirtschaft einschließlich der vor- und nachgelagerten Bereiche - alle Anstrengungen unternimmt, Nahrungsmittel und nachwachsende Rohstoffe in erheblich größeren Mengen und in gewünschter Qualität zu kostengünstigen Preisen bereitzustellen.