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14.02.2008
Gartenbauwissenschaften im internationalen Verbund studieren

Der Abbau der gartenbauwissenschaftlichen Lehrstühle und Fachgebiete an den Universitäten in Deutschland hat seit Jahren ein sehr bedrohliches Ausmaß. Besonders haben dabei die Bereiche der Gartenbauökonomie und der (reinen) Pflanzenbauwissenschaften gelitten. Weniger stark sind bisher die Technik und die mehr biologisch ausgerichteten Fachgebiete betroffen.

Prof. Dr. Joachim Meyer
Department Pflanzenwissenschaften, TU München Wissenschaftszentrum Weihenstephan für Ernährung, Landnutzung und Umwelt

Das hat im Bereich der Technik mehr demographische Gründe (die Stellen waren oder sind mit jüngeren Kollegen besetzt) in den mehr biologischen Fachgebieten strukturelle Gründe (hier wird der Bezug zu Grundlagenwissenschaften weitaus besser anerkannt). Diese Entwicklungen zusammen führen aber zweifelsohne dazu, dass der berufspraktische Bereich der Ausbildung immer weiter in den Hintergrund und der grundlagenorientierte Bereich weiter in den Vordergrund tritt. Aus Sicht des Berufsstandes ruft das den Eindruck hervor, dass sich das Studium mit seinen Inhalten in Lehre und Forschung immer weiter von seinen eigenen Fragestellungen entfernt. Weiterhin muss man sich fragen, wie die erforderliche Breite der Ausbildung zukünftig gesichert werden kann.

Zunächst einmal ist klar, dass Forschung und damit das Schaffen von Wissen, engagierte Professoren und wissenschaftliche und technische Mitarbeiter braucht. Fallen Arbeitsgebiete an Universitäten fort, fehlen deren Ergebnisse alsbaldals neues Wissen und, was fast nochnachteiliger ist, fehlt der in diesen Arbeitsgebieten heimische wissenschaftliche Nachwuchs. Möglicherweise kann dann eine Professur an einer Fachhochschule oder die Versuchleiterstelle an einer Versuchsanstalt nicht mehr mit einem „Gärtner“ besetzt werden. Dieses Problem hat dann einen „erdrutschähnlichen Effekt“. Das bedeutet natürlich nicht, dass sich ein Kollege aus z.B. den Biowissenschaften nichtein pflanzenbauliches Themengebiet einarbeiten könnte, aber in einer Summe derartiger Schritte bleibt der Fachbezug sicherlich auf der Strecke. Ich sehe es deshalb als wirklich bedrohlich an, dass man diesen „Erdrutscheffekt“ nicht ausschließen kann und dass damit innerhalb relativ kurzer Zeit viel gartenbauliches Wissen verschwindet. Hier kann man nur dafür werben, auf allen Ebenen der Forschung und der Lehre intensiv zusammen zu arbeiten und standhaft zu bleiben und für einen Fortbestand von entsprechenden Stellen auch zu kämpfen (Lobbyarbeit!!).

Wie sieht es in der Lehre aus??

In der Lehre wird die Situation im Augenblick von der Umstellung auf die 2-stufigen Bachelor/Master Programme beherrscht. Insgesamt sind die Bachelor/Master Programme schon an fast allen Studienstandorten eingeführt; sie erlangen auch Bekanntheit und sie haben in vielen Standorten ihre Bewährungsprobe schon bestanden, wenn auch die Entwicklungen noch nicht überall abgeschlossen sind. Grundsätzlich muss den Befürwortern der Fraktion „ wie schön war doch das Diplom und was soll das Ganze überhaupt“ entgegen gehalten werden, dass die 2-Stufigkeit der neuen Programme doch eine Reihe von unschlagbaren Vorteilen bietet. Hier muss zunächst einmal die Einführung sehr strukturierter Studienprogramme genannt werden, die überall dort große Verbesserungen gebracht hat, wo man sich über das bloße Umbenennen von Studienprogrammen hinaus echte Gedanken über Verbesserungen in der Organisation der Lehre gemacht hat. Die Sortierung von mehr praxisorientierten Lehrinhalten in den Bachelor und mehr forschungsorientierten Inhalten in den Masterbereich hat die positive Folge, dass sich Absolventen ihren Neigungen entsprechend weitaus besser ausrichten können; Schlagwort: nicht jeder will Forscher werden. Positiv ist weiter, dass diese Ausrichtung auf der Basis eines Bachelorabschlusses auch neu vorgenommen werden kann. Der Bachelor dient sozusagen als Drehscheibe für die Universitätswahl, einen Standortwechsel, einen Wechsel der fachlichen Ausrichtung und als Weg in die Internationalisierung. Biologen wechseln z.B. zu Gartenbauwissenschaften, Fachhochschulabsolventen zu Universitäten, Deutsche nach Italien oder umgekehrt usw.

Ich denke dass in diesem Bereich eine umfassende Kooperation auf allen Ebenen den Weg zum Erfolg ebnet. Das umfassendste Kooperationsprojekt wurde sicherlich am Standort Weihenstephan aufgelegt. Und sicher war und ist das hier eine entscheidende Grundlagefür den Fortbestand des Studiums der Gartenbauwissenschaften an der Technischen Universität München.

Enge Kooperationen gibt es in 3 Bereichen.

- mit den Agrarwissenschaften der TUM

im Bachelorstudiengang „Landnutzung- Agrar und Gartenbauwissenschaften-„

- mit der Fachhochschule Weihenstephan und der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft in der Ausbildung in den Pflanzenbaufächern des o.g. Studienganges

-mit den Universitäten in Bologna, Wien, Berlin und (bald) Budapest im internationalen Masterstudiengang „Horticultural Science“.

Die Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Weihenstephan im Rahmen des Bachelorstudienganges sichert ein hochwertiges, sehr breites pflanzenbauliches Lehrangebot durch die Kollegen der Fachhochschule Weihenstephan und erscheint beispielgebend.

Bereits im Herbst des Jahres 2002 wurde von den Kollegen der Gartenbauwissenschaften in Weihenstephander Wunsch an die Hochschulleitung der TUM herangetragen, das derzeit gültige Studiensystem aufzugeben und durch ein international ausgerichtetes Masterprogramm in Kooperation mit ausländischen Partneruniversitäten zu ersetzten. In diesem Programm sollten die gartenbauwissenschaftlichen Studiengänge an den beteiligten Universitäten durch ein internationales Ausbildungs- und Forschungsnetzwerk ergänzt, bzw. je nach Lage ersetzt werden. Ziel war und ist allgemein, die jeweilige standorttypische wissenschaftliche Exzellenz den forschungsorientierten Studierenden durch internationale Mobilität und durch sich ergänzende Angebote der beteiligten Hochschulen in Form des beantragten Netzwerksmodellsverbessert zugänglich zu machen. Dabei werden die vorhandenen Ressourcen am jeweiligen Standort durch die internationale Verflechtung in Forschung und Lehre gestärkt. Die Qualität der Lehre und damit die Qualifizierung der Absolventen und auch deren Spezialisierungsmöglichkeiten werden erheblich verbessert.




Der seit dem Wintersemester 2004/2005 eingeführte Masterstudiengang wird als 4-semestrigen Masterstudiengang unter den Namen„Horticultural Science“ mit starkem internationalem Bezug und koordinierter internationaler Beteiligung durchgeführt. 

Dieser Studiengang wird von mehreren Partnern aus unterschiedlichen Ländern gemeinsam angeboten.

Partner sind:

Università degli Studie, Bologna

Unversität für Bodenkultur, Wien

Technische Universität München

Humbold Universität zu Berlin

und bald

Corvinus Universität Budapest

Der Zugang zu dem Masterstudiengang erfolgt über einen überdurchschnittlichen Bachelorabschluss sowie über ein unter den Partnern abgestimmtes Zulassungsverfahren. Zulassungen werden von allen Partnern anerkannt. Zugelassen werden Studenten von Universitäten und Fachhochschulen aus allen Bereichen der Life-Sciences und verwandter Bereiche die einen qualifizierten Diplom- oder Bachelorabschluss haben

Die Grundstruktur des Masterstudienganges

Das Masterstudium „Horticultural Science“ ist auf 4 Semester ausgelegt.

ein weitgehend einheitlich definiertes Grundlagensemester am Heimatstandort. Dieses fachliche Grundprogramm schafft einheitliche fachliche Startbedingungen auf hohem Niveau und ist damit ausschlaggebend für ein erfolgreiches Studium im 2. und 3. Semester des Masterstudienganges. Das Studienprogramm wird durch ein Pflichtangebot in Fremdsprachen abgerundet

zwei international ausgerichtete Fachsemester. Die am jeweiligen Standort wichtigsten Lehrangebote werden in einen Gesamtpool eingebracht und damit allen Partnern nutzbar gemacht.Das internationale Lehrangebot wird an den fachlichen Spezialgebieten der Partner unter der umfassenden Nutzung der vielfältigen Kapazitäten ausgerichtet. Jeder Partner bringt aber nur die Lehrangebote ein, in denen er in der Forschung tätig ist.

ein Forschungssemester mit der Anfertigung der Masterarbeit. Hierbei werden begleitende Lehrangebote zur Absicherung des Erfolgs der Masterarbeit als Wahlpflichtveranstaltungen eingebunden.

Der internationale Bezug wird durch eine „Auslandsverpflichtung“ von insgesamt mindestens 30 credits (das ist das Lehrpensum eines Semesters) und durch eine Co-Betreuung der Masterarbeit durch einen auswärtigen Partner abgesichert.

Voraussetzungen für die praktische Durchführung sind gegenseitige Dozentenmobilität (Durchführung von Blockveranstaltungen an unterschiedlichen Standorten), Studentenmobilität im Rahmen vonInternationalisierungsprogrammen (z.B. Erasmus), Durchführung von Summerschools sowie auch die Einführung internetbasierter Lehrveranstaltungen (distance-learning.

Für das erste Semester werden die Pflichtangebote an allen Standorten der Partneruniversitäten angeboten. Dabei müssen die Studienangebote nicht formal gleich aber inhaltlich gleichwertig sein.

Diese Pflichtangebote decken folgende Gebiete ab:

Crop Ecophysiology

Crop Physiology

Crop Quality:

Crop Biotechnology

Die Inhalte sollen die Kenntnisse der Studenten vereinheitlichen denn sie kommen möglicherweise mit sehr unterschiedlichem Vorwissen in den Studiengang. Außerdem erfolgt hier der Einstieg in eine forschungs-(methoden) orientierte Ausbildung.

Weil die Lehrangebote für den Masterstudiengang durch die Poolbildung aller Partner im 2. und 3. Semester international verfügbar gemacht werden, muss nicht überall das gesamte Angebot vorgehalten werden. Es kommt daher darauf an, die jeweiligen speziellen Kenntnisse und Ausrichtungen zu spezifizieren und nutzbar zu machen.

Für Weihenstephan beispielsweise sind das folgende Schwerpunktgebiete:

1.Qualität und wertgebende Inhaltstoffe, Ökophysiologie, Qualitätsmonitoring

2.Biotechnologie, Züchtung, Gentechnologie

3.Stressphysiologie, Resistenzen

4.Energie, Klima, Mikroklima, Umweltschutz, geschützte Produktionssysteme

Da die Partner ihre eigenen Forschungsschwerpunkte in die Lehre einbringen steht den Studenten insgesamt eine enorme Breite an hochwertigem Lehrangebot zu Verfügung.

Vorteile gegenüber üblichen Masterprogrammen

Die Vorteile des neuen Konzeptes gegenüber üblichen Masterprogrammen liegen im ersten Studiensemester in der Tatsache, dass durch ein unter allen Partnern abgestimmtes Ausbildungskonzept einheitliche Eingangsvoraussetzungen für das folgende Fachstudium geschaffen werden. Weiterhin wird die Sprachproblematik durch eine obligatorische Fremdsprachenausbildung weitgehend ausgeschaltet. In den Studiensemestern 2 und 3 kann die Qualität des Lehrangebotes und damit die fachliche Qualifikation der Absolventen durch die Poolbildung erheblich verbessert werden. Weiterhin erwerben Studenten Fremdsprachenkenntnisse, Auslandserfahrungen Mobilitätserfahrungen und lernen sich in einem Auslandsumfeld zu bewegen und zu bewähren. Das sind alles Dinge, die viele potentielle Arbeitgeber von Bewerbern als unbedingt nachweisbar fordern.Darüber hinaus können beim Einhalten bestimmter Voraussetzungen legal gültige Zeugnisse der Partneruniversitäten zusätzlich zum Zeugnis der Heimatuniversität erworben werden.

Seit Beginn des Projektes wurde damit auf eine wirklich europäische Lösung für die Gartenbauwissenschaftliche Masterausbildung gesetzt; dieser Weg wurde inzwischen als beispielgebend anerkannt. Diese Anerkennung drückt sich darin aus, dass die Europäische Union den Studiengang bei der letzten Plenarsitzung des Parlamentes als

European Erasmus Mundus Master Project

ausgezeichnet hat. Diese Auszeichnung erhalten pro Jahr europaweit nur etwa12-14 Studiengänge. Weiterhin ist diese Auszeichnung mit einer erheblichen Förderung über insgesamt 5 Jahre verbunden, die es dem Konsortium ermöglichen wird, jährlich ca. 20 Studienanfänger weltweit einzuwerben. Hinzu kommen weitere Mittel für z.B. für Kurzzeitdozenturen, Studentenbetreuung etc.

Also alles nur positiv???

Aus Sicht der Organisatoren kann man den derzeitigen Entwicklungsstand als außerordentlich zufriedenstellend bezeichnen.

Die Einführung des internationalen Masterstudienganges (seit 2004) ermöglicht die Einbringung der spezifischen Kenntnisse und Ausrichtungen der Partner (insbesondere im Forschungsbetrieb) in ein gemeinsames Lehrangebot das allen Studierenden offen steht. Die Lehrveranstaltungen werden bis auf die Veranstaltungen im ersten Semester durchweg in Englisch angeboten. Das macht sowohl Dozenten als auch so manchem Studenten natürlich erhebliche Mühe zumal die Studenten quasi in allen Veranstaltungen Präsentationen , Ergebnisberichte oder ähnliches in Englisch vorstellen müssen. Positiv ist aber, dass Auslanderfahrung, Fremdsprachenkenntnisse und gegebenenfalls ein legal gültiges zweites Zeugnis z.B. aus Italien quasi nebenbei erworben werden. Das Studium stellt aber erhöhte Anforderungen an Aktivität und Mobilität der Studierenden; durch die vorgeschriebenen Auslandaufenthalte gibt es im Einzelfall sicherlich erhebliche organisatorische Probleme. Das erfordert auf jeden Fall eine möglichst frühzeitige Planung des Studienablaufes, denn nur in diesem Fall kann seitens der Universitäten umfassende organisatorische Unterstützung z.B. bei der Wohnungssuche oder bei Visaproblemen gewährt werden. Die Studienbüros an allen Partneruniversitäten sind aber auf derartige Hilfestellungen gut vorbereitet.