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Sigrid Eicken |
Als Leiterin der Zentralen Studienberatung unterstütze ich täglich Schüler/innen bei ihrer Studienwahl, ein Thema, das mir sehr vertraut ist. An meine eigenen schwierigen beruflichen Entscheidungssituationen in verschiedenen Stadien – vor dem Studium, während des Studiums und nach dem Studium – erinnere ich mich lebhaft. Die Studienentscheidung fiel erst drei Jahre nach dem Abitur. Nach einem Pausenjahr mit USA-Aufenthalt und Jobben im Altenheim entschied ich mich schließlich für meinen Herzenswunsch, für eine Landwirtschaftslehre, im Anschluss konsequenterweise für das Studium der Allgemeinen Agrarwissenschaften – an der Uni Hohenheim.
Dort fand ich fast alle meine Interessen vertreten – jedoch war ich immer auf der Suche, wie sich mein soziales Interesse mit diesem Studienfach bzw. in einer späteren Berufstätigkeit kombinieren ließe. Durch einen Hiwi-Job in der Zentralen Studienberatung und durch die Konfrontation mit Beratungstheorien im Fach Landwirtschaftliche Beratung war die Verbindung hergestellt – Erwachsenenbildung und psychosoziale Beratung kann man auch mit einem Agrarstudium verbinden! Vor meinem Abschluss wollte ich jedoch auf jeden Fall noch eine längere Zeit ins Ausland, möglichst natürlich wieder in die USA. Im Katalog der Austauschuniversitäten in Oregon fand ich ein Masterstudium, das genau das vertiefte, was mich so brennend interessierte: die Beratungswissenschaft. Also bewarb ich mich für das Austauschprogramm Oregon – Baden-Württemberg an die Oregon State University in Corvallis in das Masterprogramm in Counseling, und wurde angenommen.
Zeit der persönlichen Entwicklung
Zweieinhalb Jahre verbrachte in Oregon und absolvierte dort einen fachfremden Master. Die durchweg positiven Erfahrungen meines Auslandsaufenthaltes lassen sich sehr schwer beschreiben. Eine Kommilitonin von mir formulierte es einmal so: „mein Austauschjahr in Oregon war der längste Urlaub den ich je gemacht habe, und zugleich habe ich in meinem ganzen bisherigen Studium nicht so viel gearbeitet wie in diesem einen Jahr.“ Ich kann für mich das gleiche behaupten, nur dass mein „Urlaub“ zweieinhalb Jahre lang dauerte. Die Zeit im Ausland brachte mir in mehrerlei Hinsicht viel: es war eine Zeit der persönlichen Entwicklung, mit Abstand von zu Hause, vom Gewohnten, von der eigenen Kultur - in einer neuen Umgebung, in der man sich selbst zurechtfinden musste, in der man sich aber auch ein neues Umfeld schaffen konnte. Diese ungeheure Freiheit war prägend für die ganze Zeit, und eine gute Grundlage, sich selbst auszuprobieren.
Intensivere Betreuung und Sprachkultur
Ein anderer Aspekt war das Studium selbst: ein Studium in den USA unterscheidet sich komplett von einem Studium in Deutschland – die intensive Betreuung durch die ProfessorInnen und die kleinen Gruppen sind ungeheure Motivatoren, ständiger Ansporn zu Bestleistungen, jedoch ohne die Angst zu versagen. In den Lehrveranstaltungen ist die eigene Meinung gefragt, man kann diskutieren, Gedanken offen aussprechen, kreativ werden in einer motivierenden und dennoch leistungsorientierten Lernumgebung. Auch dies war ein Faktor, der zu einer positiven Persönlichkeitsentwicklung beitrug.
Dann sind da natürlich die Faktoren „Spracherwerb“ und „Kennen lernen einer anderen Kultur“ – Schlagworte, die bei jeder Werbung für einen Auslandsaufenthalt im Vordergrund stehen, deren Nutzen ich jedoch erlebt habe und die für mich mit Leben gefüllt sind. Die Sprache habe ich damals so gründlich gelernt, dass ich sie jetzt, fast 15 Jahre nach meiner Rückkehr, noch fast fließend spreche und schreibe.
Den kulturellen Aspekt erlebte ich sehr bewusst. Ab dem zweiten Jahr, nach der ersten reinen Begeisterungswelle, fing ich an zu verstehen, welches die Feinheiten der amerikanischen Kultur sind und was ich an meiner eigenen Kultur schätze. Ich fing an zu begreifen, was es heißt, in einer zwar nicht unbekannten, aber doch fremden Kultur zu leben. Und trotz meiner immer kritischeren Sicht auf die amerikanische Kultur ist sehr viel Positives geblieben – die Herzlichkeit und Leichtigkeit des Umgangs miteinander, die Schwere, die uns Deutschen anhaftet, konnte ich dort ein Stück ablegen. Und gerade in Oregon und im Universitätsumfeld trifft man extrem viele politisch denkende und kritische Leute, außergewöhnliche und tiefgründige Leute, die so überhaupt nicht dem Klischee der „oberflächlichen Amerikaner“ entsprechen. Noch heute, 15 Jahre später, verbinden mich einige der tiefsten Freundschaften mit Oregon.
Und dann gibt es in Oregon und Nachbarstaaten natürlich die grandioseste Landschaft, die in der trotz fleißigen Studierens reichlichen freien Zeit zu den verschiedenen Freizeitaktivitäten einlädt! Ein Aspekt, den es sich zu beachten lohnt, wenn man sich den Ort des Auslandsstudiums aussuchen kann.
Ein Resumé aller gemachten Erfahrungen gibt es nicht – es ist die Vielzahl und die Vielfalt der Erfahrungen, die den Auslandsaufenthalt für mich zu einer der besten Zeiten meines Lebens machen, und zu einer unendlich wertvollen Grundlage für meinen späteren Berufsweg.
Nach meiner Rückkehr aus Oregon beendete ich das Agrarwissenschaftsstudium mit einer außergewöhnlichen Diplomarbeit: Ich wollte wissen, ob auch andere dieselben persönlich und beruflich wertvollen Erfahrungen gemacht hatten und führte eine empirische Untersuchung aller ehemaligen Austauschstudierenden des Austauschprogramms Oregon – Baden-Württemberg über die „Auswirkungen eines Auslandsstudiums“ durch. Die Arbeit wurde vom Institut für Landwirtschaftliche Beratung, Agrarsoziologie und Angewandte Psychologie betreut – so schloss sich für mich der Kreis.
Als Agrarierin berufliches Glück gefunden
Der Berufseinstieg war nicht leicht – ich suchte eine Stelle mit dem amerikanischen Abschluss eines Studiums, das in Deutschland gar nicht angeboten wird, und dem deutschen Abschluss eines Studiums, in dessen typischen Berufsfeldern ich nicht arbeiten wollte… Nach einer zweijährigen Berufsphase in der AIDS-Hilfe, in der ich einen Job aufgrund meiner Mitarbeit in einem Forschungsprojekt an der Oregon State University bekam, erhielt ich ein befristetes Stellenangebot im Akademischen Auslandsamt der Universität Stuttgart – und zwar aufgrund meiner Auslandserfahrung und meiner Diplomarbeit! Nach einiger Zeit konnte ich mich in die Zentrale Studienberatung bewerben, deren Leiterin ich Jahre später wurde. Ich bin nun zwar beruflich weit von der Agrarwissenschaft entfernt, gleichzeitig aber auch sehr nah – mein Beratungsschwerpunkt sind die Naturwissenschaften, und als Agrarier weiß man ja von Allem etwas! Da Agrarier bekanntlich „Allrounder“ sind, ist dieses berufliche Feld der Studienberatung für mich genau das Richtige: nicht nur beraten und informieren, sondern sehr viel Organisation, Koordination, Netzwerken – diese Abwechslung und die vielen SchülerInnen und Studierenden, die hier ein und ausgehen, deren beruflichen Weg ich ein Stück begleiten darf, das ist berufliches Glück!
Ein Auslandsaufenthalt zählt oft zu den schönsten Seiten und Zeiten des Lebens und kann wertvoller Baustein für den späteren Berufsweg sein. Das Studium der Agrarwissenschaften öffnet zudem viele Türen für eine Karriere, mitunter in einem ganz anderen Berufsfeld, wie das Beispiel von Sigrid Eicken aus Hohenheim zeigt.