![]() | Startseite |
![]() | Der VDL |
![]() | VDL-Journal online |
![]() | Schwerpunkt |
![]() | Namen + Nachrichten |
![]() | VDL-Aktuell |
![]() | Aus den Landesverbänden |
![]() | VDL-Landesverbände |
![]() | Hochschule + Studium |
![]() | Beruf + Karriere |
![]() | Termine |
![]() | VDL-Mitgliederbereich |
| Thomas Gehrke Dipl.-Ing.agr. DAA-Bezirksdirektor, Vereinigte Hagel Berlin |
„Savoir vivre“ – Diese Lebenseinstellung und das Interesse an fremden Kulturen und Sprachen seit meiner Schulzeit (Französisch-Leistungskurs, Austauschprogramme) waren für mich die Triebfeder in Frankreich ein Auslandsstudium zu absolvieren. Dazu angeregt wurde ich schon bei der Immatrikulation an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, an der ich Agrarwissenschaften, Fachrichtung Wirtschafts- und Sozialwissenschaften des Landbaus studiert habe. Im Dekanat der Fakultät lagen die Broschüren „Studium im Ausland“, „Informationsblatt für Erasmus-Studienaufenthalt“ aus, so dass aus der Idee schnell Realität wurde. Wichtig ist, sehr frühzeitig mit den Planungen und Vorbereitungen für ein Auslandsstudium zu beginnen und sich rechtzeitig um die Finanzierung (Auslands-Bafög, Stipendium,...) zu kümmern. Die Informationen, die man mittlerweile im Internet und an den Universitäten erhalten kann, sind zwar sehr umfangreich. Dennoch halte ich persönliche Ratschläge und Tipps für besonders empfehlenswert.
Anerkennung von Studienleistungen
Ein guter Ratgeber
– auch bezüglich der Anerkennung von Studienleistungen im Ausland –war der
damalige Erasmus-Beauftragte der Landwirtschaftlichen Fakultät, Prof. Dr.-Ing.
Armin Rieser. Mittlerweile hat diese Aufgabe Prof. Dr. Brigitte Petersen vom
Institut für Tierwissenschaften übernommen (http://www.uni-bonn.de/Internationales.html).
Sicherlich gibt es an den anderen Agrarfakultäten in Deutschland auch derartige
Einrichtungen und Ansprechpartner. Sehr hilfreich waren die wertvollen Hinweise
von Ehemaligen, insbesondere hinsichtlich organisatorischer und ganz
praktischer Fragestellungen (Unterkunft, Auslandskrankenversicherung,
Fächerwahl, Kontoeröffnung im Ausland, Freizeitmöglichkeiten...). Um einen
ERSAMUS-Studienplatz im Ausland zu bekommen, musste ich aber noch einige Steine
aus dem Weg räumen:
Nachdem diese Hürden genommen waren, hatte ich die Zusage für einen Studienplatz an der „Ecole Nationale Supérieure Agronomique de Toulouse“ (ENSAT). An der ENSAT hatte ich mich beworben, weil diese schon enge Kontakte zur Landwirtschaftlichen Fakultät in Bonn unterhielt und ich die Stadt und deren Lage im Süden Frankreichs sehr reizvoll fand. Toulouse, am Fuße der Pyrenäen gelegen, ist mit 760.000 Einwohnern die viertgrößte Stadt Frankreichs und liegt etwa auf halber Strecke zwischen Atlantik und Mittelmeer. Mit knapp 100.000 Studenten ist Toulouse neben Paris und Lyon die Stadt mit den meisten Studenten in Frankreich. Zahlreiche Kultur- und Bildungseinrichtungen, sowie Bars und Cafés sind deshalb hier anzutreffen. Es gibt ein sehr ausgeprägtes Studenten- bzw. Nachtleben. Dazu ein Beispiel: Bei der Ankunft des „Beaujolais primeur bzw. nouveau“, dem ersten Wein, der schon im Jahr seiner Herstellung verkauft werden darf, am dritten Donnerstag im November wurde die ganze Nacht – auch auf den Straßen – gefeiert. Typisch für die Küche von Toulouse ist das Cassoulet, ein Eintopf aus weißen Bohnen und verschiedenen Fleischsorten, bei dem in Toulouse in jedem Fall Confit d’oie – eingemachtes Gänsefleisch und Landwurst – hinzugehört.
Grandes Ecoles
Die ENSAT ist eine Grande École, an der man Agrarwissenschaften studieren und sich im Abschlussjahr in 6 Fachrichtungen spezialisieren kann (http://www.ensat.fr). Ich hatte mich für „Gestion des Agro-acitivés et Communication en Agro-Industrie“ (heute heißt die Spezialisierung „Agromanagement“) entschieden. Hervorzuheben ist, das es neben den Universitäten in Frankreich auch die Grandes Écoles gibt. Das sind spezialisierte Hochschulen, die in der Regel ein bestimmtes Fach bzw. eine Gruppe verwandter Fächer unterrichten, das Fachstudium aber mit vielen allgemeinbildenden und persönlichkeitsfördernden Elementen verbinden. Sie fungieren als Ausbildungsstätten der Führungselite in Staat und Wirtschaft und bilden entsprechend die angesehenste Gruppe des französischen Hochschulsystems. Sie rangieren im Prestige oft weit vor den Universitäten. Die Ausbildung an einer Grande École dauert im Normalfall drei Jahre (2ème bzw. 2nd cycle) und schließt mit dem diplôme bzw. in Zukunft mit einem Master-Abschluss. Um zur Aufnahmeprüfung zugelassen zu werden, reicht das Baccalauréat (Äquivalent des deutschen Abiturs) in der Regel nicht aus. Vielmehr müssen die Interessenten nach dem „bac“ für zwei Jahre sog. Classes préparatoires (prépas) besucht haben, die auf die betreffende Hochschulkategorie vorbereiten. Die Studienplätze werden an die Bewerber gemäß der Rangfolge ihrer Prüfungsergebnisse im Concours vergeben. Ist jemand einmal zugelassen und damit élève (frz. Zögling/Schüler), die traditionelle Bezeichnung der Studierenden der Grandes Écoles), wird er/sie in aller Regel das Studium erfolgreich abschließen. Abbrecher – wie ich selber miterlebt habe – sind wegen der strengen Auslese bei der Zulassung praktisch unbekannt. Anders ist das an den frei zugänglichen Universitäten, wo rd. 40 % der Studienanfänger ohne Abschluss bleiben. Hauptziel der „Eleven“ ist ein guter Platz auf der Rangliste der Absolventen ihrer promotion, d.h. ihres Jahrganges: Je höher der Platz auf der Liste, desto größer sind die Chancen, eine der besten der verfügbaren Stellen wählen zu können.
Die Grandes Écoles bieten nach meinen Erfahrungen gute Studienbedingungen: Hervorragende Lehre, darunter von vielen Lehrbeauftragten aus der Praxis, intensive persönliche Betreuung, was bei einer Gruppe von 16 Studenten in meiner Fachdisziplin auch gut möglich war. Rund 75 % der Studenten an der ENSAT absolvieren ihr 5-monatiges Pflichtpraktikum und ein Viertel studieren für 2 Semester im Ausland. Ich haben die französischen Studenten wahrgenommen als leistungsbereite, sich gegenseitig motivierende Kommilitonen, die im Bewusstsein der gemeinsamen Zugehörigkeit zu einer Elite sind. Dieses Zusammen- und Zugehörigkeitsgefühl wird naturgemäß mit hinübergenommen ins Berufsleben in Staat und Wirtschaft und führt dort zur Entstehung von Beziehungsnetzen unter den Ehemaligen, den anciens élèves.
Bewältigung des Studienalltags
Zurück zu meinem Studienalltag: Um eine Unterkunft musste ich mich vor meiner Abreise aus Deutschland nicht bemühen, da die ENSAT ein Zimmer im Studentenwohnheim für ausländische Studierende für mich reserviert hatte. Allerdings sollte ich hier nicht lange bleiben. In einem Einführungssprachkurs hatte ich schnell Kontakte geknüpft. Nach kurzer Suche fand ich mit einem Norweger eine WG über den Dächern der „ville rose“, wie die Stadt aufgrund ihrer zahlreichen Bauwerke aus roten Ziegelsteinen auch genannt wird. Die Wohnung, direkt am Fluss Garonne gelegen, war traumhaft. Dennoch war die Miete nur unwesentlich teurer als im Wohnheim, da man auch als ausländischer Student einen Mietpreisabhängigen Wohnzuschuss vom Staat in Form einer „allocation familial“ erhält. Die Erledigung dieses und weiterer Behördengänge (u.a. Eröffnung eines Kontos, Beantragung einer carte de séjour) war allerdings genauso bürokratisch wie in Deutschland.
Zu Beginn des Studiums sind wir in Begleitung unseres verantwortlichen Professors, Bruno Legagneux, mit unserem Semester im Rahmen einer Einführungswoche an den Atlantik gefahren. Diese „Kick-off“-Veranstaltung war eine hervorragende Gelegenheit, meine Kommilitonen kennen zu lernen und Bekanntschaften zu schließen. Zurückgekehrt nach Toulouse ging der sehr verschulte Studienalltag los. Um 8.00 Uhr starteten in der Regel in Vorlesungen in der „Großen Schule“, die ziemlich zentral in der Stadt lag, aber sehr renovierungsbedürftig war. Deshalb wurde sie abgerissen und auf der grünen Wiese neu aufgebaut. Sie befindet sich seit 1998 im Vorort Auzeville. Anwesenheit war Pflicht, was man durch seine Unterschrift dokumentieren musste. Da ich kein eigenes Auto hatte, habe ich mir gleich zu Anfang ein Fahrrad auf einem „Marché aux puces“ gekauft, um mobil zu sein. Dies reichte auch völlig aus, da sehr viele französische Studenten motorisiert waren. So konnten wir am Wochenende gemeinsame Ausflüge unternehmen, z.B. zum Skifahren in die Pyrenäen.
Neben der mündlichen Mitarbeit in den sechs Pflichtkursen wurden z.T. auch Seminararbeiten geschrieben. Zu den Fächern zählten u.a. „Marchés agricoles et théroie micro-économique“, „Marketing“ oder „Analyse exploratoire de donnés“. Einiges kannte ich schon aus dem Studium in Deutschland. Deshalb fiel mir es teilweise leichter als erwartet, den Vorlesungen zu folgen. Das fünfmonatige Studium endete mit 3 schriftlichen Prüfungen.
Praktikum in Paris
Kurz vor Semesterende wurde an der ENSAT für die Studierenden meines Abschlussjahres eine Kontaktbörse durchgeführt, an dem sich zahlreiche der 350 Organisationen und Unternehmen, die mit der Hochschule kooperieren, beteiligt haben. Die Kontaktbörse diente zur Vermittlung eines Platzes für ein 6-monatiges, bezahltes Pflichtpraktikum, das Bestandteil des Studiums ist. Diese Vorgehensweise im Vergleich zur Hochschulausbildung in Deutschland, wo das Praktikum in der Regel auf einem landwirtschaftlichen Betrieb und vor bzw. am Anfang des Studiums erfolgt, halte ich für deutlich effektiver. Für viele Kommilitonen in Frankreich war das Praktikum das Sprungbrett in ihr erstes Arbeitsverhältnis. Ich habe mein Praktikum bei der „Société des Agriculteurs de France“ (SAF) in Paris absolviert Die SAF ist eine Nichtregierungsorganisation (frz. ONG), die u.a. die Entwicklung des Agrarsektors und des ländlichen Raumes auf ihre Fahnen schreibt und in ein internationales Netzwerk eingebunden ist; ihr Partner in Deutschland ist die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG). Die SAF führte damals eine internationale Studie über die Entwicklung des Getreideanbaus in Europa durch. Zu den Untersuchungsregionen zählte auch Deutschland – die Magdeburger Börde. Eingebettet in ein internationales Team bestand meine Aufgabe darin, Analysen und Befragungen in Deutschland durchzuführen und in einem „rapport“ zusammenzufassen. Für mich war das Praktikum eine große Bereicherung, da ich mein erlerntes theoretisches, aber deutlich praxisbezogeneres Wissen als in Deutschland hervorragend umsetzen konnte. Darüber hinaus war es sehr spannend den Arbeitsalltag in Frankreich, insbesondere in der Weltstadt Paris zu erleben („Métro, Boulot, Dodo“). Neben der Arbeit blieb aber noch ausreichend Zeit, sich vom Charme dieser Stadt mit den einzigartigen Bauwerken in den Bann ziehen zu lassen und das kulturelle und Nachtleben zu genießen.
Nach dem Praktikum musste ich meinen rapport in einer „soutenance“ im Beisein des Professors und des „Maître de stage“ von der SAF an der ENSAT schließlich verteidigen. In einer offiziellen Zeremonie wurde uns Absolventen der französische Diplomtitel „D.A.A.“ (Diplôme d’Agronomie Approfondie) überreicht. Unter dem Eindruck sehr vieler schöner Erlebnisse stand dann die Heimreise und das Abtauchen in den Studienalltag in Deutschland an, der mir zu Anfang sehr schwer fiel.
Kontakte über den VDL
Eine besondere Motivation bekam ich dann, als mir der in Frankreich geschriebene rapport als Diplomarbeit sowie eine schriftliche Diplomprüfung an der Universität Bonn anerkannt wurden (Prof. Dr. Ekkehard Pabsch und Prof. Dr. Ernst Berg sei Dank). Es hatte sich im Nachhinein bezahlt gemacht, dass ich mich auch darum schon vor Beginn meines Auslandsstudiums gekümmert hatte. Einen Arbeitsvertrag bereits in der Tasche, musste ich „nur“ noch die übrigen schriftlichen und mündlichen Diplomprüfungen erfolgreich bestehen. Dass ich einen Arbeitsvertrag bereits vor Abschluss des Studiums hatte, lag auch an meinem erfolgreich absolvierten Auslandsstudium. Auch die Kontakte, die ich im VDL geknüpft hatte, in dem ich mich schon sehr frühzeitig – auch als Sprecher der Bundessparte Studierende – engagiert hatte, haben wir geholfen. Der Aufbau von Netzwerken, den ich in Frankreich kennen gelernt hatte, ist nämlich auch in Deutschland nicht zu unterschätzen. Zahlreiche Tipps für meinen Berufseinstieg konnte mir auch der damalige Vorsitzende des VDL-Bundesverbandes, Dr. Helmut Nieder geben. Der Satz „Wir können Ihnen helfen, die Türe zu öffnen, durchgehen müssen sie aber ganz allein“, den ich auch von ihm gehört habe, gilt heute noch genauso wie damals.
Im Zeitraffer ein kurzer Einblick in meinen bisherigen beruflichen Werdegang, der wohl stellvertretend für viele Karrieren heutzutage ist: Räumliche Mobilität und geistige Flexibiltät, sich in ein neues Arbeitsgebiet einzuarbeiten und sich auf geänderte Rahmenbedingungen (Vorgesetzte, Kollegen, Mitarbeiter, Kunden,..) einzustellen. Begonnen habe ich als Redakteur beim Presse- und Informationsdienst Agra Europe (AgE). Danach ging es zum Deutschen Bauernverband (DBV), bei dem ich als Assistent des Generalsekretärs „gedient“ habe. Diese sehr interessante und fordernde Tätigkeit bot mir nach einiger Zeit die Chance, als „Policy Adviser“ zum Europäischen Bauern- und Genossenschaftsverband (COPA-COGECA) nach Brüssel zu gehen.
Seit nunmehr gut fünf Jahren bin ich bei einem der attraktivsten Arbeitgeber in der Agrarbranche, der Vereinigten Hagelversicherung VVaG, beschäftigt; davon seit nunmehr gut zwei Jahren in der sehr reizvollen Aufgabe als Bezirksdirektor in Berlin. Müsste ich nach meiner bisherigen Berufserfahrung ein allgemeines Fazit über mein Studium ziehen, so würde das wohl so ausfallen: Wenn man einmal in den Mühlen des Berufslebens steckt, kommen die Gelegenheiten, die die Zeit des Studiums (nicht das Studium) bietet, nicht mehr wieder. Diese Zeit sollte man sinnvoll nutzen und auch mal über den Tellerrand hinausschauen, um sich weiter zu entwickeln. Dazu gehört meines Erachtens unbedingt auch ein Auslandsaufenthalt – Studium oder Praktikum.
Für mich war die Zeit im Ausland, das Kennen lernen einer anderen Sprache und Kultur eine große Bereicherung, sowohl persönlich als auch beruflich. Dieses wünsche ich allen Studierenden, die diesen Schritt ebenfalls gehen. Es lohnt sich!