![]() | Startseite |
![]() | Der VDL |
![]() | VDL-Journal online |
![]() | Schwerpunkt |
![]() | Namen + Nachrichten |
![]() | VDL-Aktuell |
![]() | Aus den Landesverbänden |
![]() | VDL-Landesverbände |
![]() | Hochschule + Studium |
![]() | Beruf + Karriere |
![]() | Termine |
![]() | VDL-Mitgliederbereich |
Christoph Schmitz (B.Sc.agr.) |
Nicht nur die praktische Ausrichtung der niederländischen Landwirtschaft gilt als vorbildlich, auch in Forschung und Lehre belegt die Niederlande mit der Universität Wageningen einen Spitzenplatz in Europa. Dies bietet Anlass die Unterschiede ein wenig genauer zu betrachten.
Die Universitätsstruktur
Wer in Deutschland Agrarwissenschaften auf Universitätsebene studieren möchte, hat zunächst einmal die Qual der Wahl. Zehn Universitäten bieten Studiengänge in Agrarwissenschaften an, die sich mitunter nur minimal unterscheiden. Diesen Luxus erlaubt sich unser Nachbarstaat im Westen nicht. Hier ist Wageningen, die einzige landwirtschaftliche Universität. Nun ist Holland zwar flächenmäßig fast neunmal kleiner als Deutschland, aber bezogen auf das landwirtschaftliche Bruttosozialprodukt (BSP) sind die Unterschiede nur noch gering. 2006 erreichte Deutschland ein landwirtschaftliches Bruttosozialprodukt (BSP) von ca. 23 Milliarden € (280 € / pro Kopf), die Niederlande immerhin gute 15 Milliarden € (940 € / pro Kopf). Der landwirtschaftliche Sektor spielt somit auf die Gesamtwirtschaft gesehen eine wichtigere Rolle. Die starke Exportlastigkeit und starke Spezialisierung auf intensive Produktionszweige (wie tierische Produkte, Obst, Gemüse und Blumen) sind zwei weitere Gründe für die starke Stellung des Agrarsektors. Um diese Position nicht zu verlieren, fokussierte man sich in der universitären Ausbildung und Forschung schon früh auf einen einzigen Standort.
Die Geschichte der Universität Wageningen beginnt 1876 mit der Errichtung der ersten nationalen Landwirtschaftsschule in Wageningen. 1918 wird sie zunächst in eine Landbouwhogeschool (vergleichbar mit der deutschen Fachhochschule) und 1968 dann in die Landbouwuniversiteit Wageningen umgewandelt. Mit der Zeit öffnete man sich verwandten Fachbereichen, so dass heute alle Gebiete der so genannten Life Science abgedeckt werden. Dazu gehören die Gruppen, Tier und Pflanze, Umwelt und Natur, Wirtschaft und Soziales, Ernährung und Gesundheit sowie die Technologie. Neben der Universität gehört der Verbund der Forschungsinstitute DLO und die Van Hall Larenstein Hogeschool zum Wageninger Universitäts- und Forschungskomplex. Mit 6.100 Mitarbeitern und 9.200 Studenten gilt dieser als der größte wissenschaftliche Standort im Bereich Life Science in Europa.
Das Studiensystem
Das gesamte niederländische Studiensystem orientiert sich mehr am amerikanischen Muster als am europäischen. Schon früh wurden Bachelor- und Masterabschluss eingeführt. Dementsprechend gut organisiert und etabliert ist das Studium dort bereits, im Gegensatz zu vielen deutschen Unis, die sich derzeit noch in der Umstellungsphase befinden. Vor allem die große Auswahl an Master-Studiengängen (alle in englischer Sprache) ermöglicht den Studenten gute Spezialisierungsmöglichkeiten.
Ein großer Unterschied zum deutschen System besteht in der Aufteilung des Studienjahres. In Wageningen wird nicht in Semestern studiert, sondern in Blöcken. Ein Block dauert zwei Monate. In den ersten fünf Blöcken (das Studienjahr beginnt im September) wird studiert; der sechste Block im Juli und August ist frei und für eventuelle Wiederholungsklausuren vorgesehen. In den ersten sechs Wochen eines Blockes werden in der Regel Vorlesungen gehalten, die siebte Woche ist frei und in der achten werden die Klausuren geschrieben. Die Kursintensität in der Woche ist höher als in Deutschland, so dass man durchschnittlich nur zwei oder drei Kurse pro Block belegt. Das Studium ist dadurch intensiver, aber auch wesentlich verschulter.
Ein weiterer Unterschied ist die Lehre. Die erheblich bessere finanzielle Situation der Universität ermöglicht es neben den Professoren, so genannte Associate Professor´s und Assistant Professor´s anzustellen. Diese sind mit gut bezahlten wissenschaftlichen Mitarbeitern zu vergleichen, die Lehre und Forschung unterstützen. Ihre große Anzahl ermöglicht es, relativ viele und kleine Vorlesungen anzubieten. Diese wiederum sind aufgrund der geringen Lehrbelastung pro Professor ausgiebig vorbereitet und gut organisiert. Ein weiterer Vorteil ist, dass jedem Studenten ein Studienberater zugeordnet wird. Mit diesem wird der individuelle Studienplan regelmäßig besprochen und angepasst.
Überhaupt scheint es in Wageningen, bei einem jährlichen Umsatz von knapp 600 Millionen €, nur wenige Geldsorgen zu geben. Dabei machen die Studiengebühren von 1.400 € im Jahr nur einen relativ kleinen Teil der Gesamteinnahmen aus. Das meiste kommt mit Abstand vom Staat (ca. 300 mio. €), sowie von Forschungsgeldern aus der Wirtschaft und halbstaatlichen Einrichtungen (Drittmittel). Sichtbar wird dieses Geld nicht nur in der Beschäftigung vieler wissenschaftlicher Mitarbeiter, sondern auch an den zahlreichen neuen Unigebäuden. Im letzten Sommer wurde unter anderem der neue Campus am Stadtrand eröffnet und die Universität zur best ausgestatteten Universität in den Niederlanden gewählt.
Das Studentenleben
Das Studentenleben sieht ein wenig anders aus als beispielsweise in Göttingen oder Bonn. Die kleine Stadt Wageningen mit 34.000 Einwohnern, wovon fast ein Drittel Studenten sind, besteht mehr oder weniger nur aus der Universität plus angrenzender Institutionen und Unternehmen. Eine kleine, aber ältere Innenstadt bringt zumindest ein wenig Flair in die ansonsten eher unscheinbare Stadt. Die Prioritäten sind klar gesteckt; die Ablenkung vom Studium hält sich in Grenzen. Dennoch muss man sich über ein eingeschränktes Partyangebot keine Sorgen machen. In der Woche finden vor allem Feten in holländischen Studentenvereinigungen statt (welche eine Mischung aus Verbindung und Fachschaft sind), wohingegen am Wochenende in der Regel verschiedene internationale Partys veranstaltet werden.
Das Sportangebot für Studenten ist überdurchschnittlich gut. Für 50 € im Jahr kann man das unieigene Sportzentrum mit Fitnessstudio und Schwimmbad täglich benutzen.
Die kulturelle Seite von Wageningen hat dagegen eher wenig zu bieten und ist nicht mit Städten wie Bonn oder Göttingen zu vergleichen. Auf der anderen Seite sind Kulturstädte wie Arnhem, Utrecht oder Nijmegen innerhalb einer halben Stunde zu erreichen.
Ein auffälliges Merkmal der Universität Wageningen ist die starke Internationalität. Über 25 Partneruniversitäten in der ganzen Welt und zahlreiche Förderprogramme sorgen für ein internationales Flair. Über ein Viertel aller Universitätsstudenten kommen aus 98 verschiedenen Ländern der Welt. Je nach Studienprogramm sind nur wenige Niederländer eingeschrieben und in Vorlesungen ereilt einen der Eindruck jede Region der Welt hat ein paar Studenten nach Wageningen entsandt. Dementsprechend offen und freundlich ist auch die Atmosphäre unter den Studenten. Man lernt einiges über verschiedene Mentalitäten und Kulturen sowie in den zahlreichen Gruppenarbeiten über unterschiedliche Arbeitsweisen und Methoden kennen.
Was die Deutschen von den Holländern lernen können
Der Föderalismus macht es den deutschen Agrarfakultäten mit Sicherheit nicht einfach. Trotzdem lohnt sich ein Blick über die Grenze. Die starke Fokussierung auf dem Gebiet der Life Science und die enormen finanziellen Möglichkeiten der Universität Wageningen lassen zu, dass Lehre und zum Teil auch Forschung wesentlich mehr in die Tiefe gehen. Die, im Vergleich zu deutschen Universitäten, relativ kleine und spezialisierte Universität ermöglicht eine flexiblere, sowie unternehmerische Führung und Ausrichtung. Weniger Interessenkonflikte, schnellere Entscheidungen und eine gelungenere Außendarstellung sind die Folge. Zudem profitiert die gesamte Universität von der starken Internationalität, nicht nur kulturell, sondern auch fachlich.
Für alle Studenten, die ein Auslandsstudium im Bereich Agrarwissenschaft (bzw. Umwelt- oder Ernährungswissenschaft) absolvieren und mit Kommilitonen aus aller Welt studieren und ihre Freizeit verbringen wollen, bietet Wageningen allerbeste Bedingungen.
Die Universität
profitiert besonders von Synergien zwischen verschiedenen, aber verwandten
Fachbereichen. Auf der anderen Seite hat man hier nicht die Möglichkeit,
absolut fachfremde Vorlesungen zu besuchen bzw. deren Studenten zu treffen,
wovon Standorte, wie Bonn und Göttingen mit Sicherheit profitieren.