Suche starten
Übersicht Impressum Kontakt
23.06.2010
FH Bingen: „Landwirtschaft und Hochschule im Dialog“

„Veränderungstreiber der Agrarwirtschaft“ - Unter diesem Motto stand die diesjährige Fachtagung „Landwirtschaft und Hochschule im Dialog“ an der FH Bingen. In diesem Beitrag werden die wichtigsten Einflussfaktoren auf die Landwirtschaft nach Stellschrauben abgeklopft, die für den einzelnen Landwirt erreichbar sind.

Die Veranstalter - Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau, der Studiengang Agrarwirtschaft der Fachhochschule Bingen und der VDL - Berufsverband Agrar, Ernährung, Umwelt Rheinland-Pfalz/Saarland e.V. - hatten ein pralles Programm gestrickt. Die Referenten hatten den rund 200 Teilnehmern zum Teil unbequeme The sen zugemutet und sie dabei mitunter tief in die Glaskugel zukünftiger Entwicklungen blicken lassen. In der Zusammenschau lassen sich einige Kernaussagen herausdestil lieren.

Der Markt wirkt
In Zeiten zunehmender Liberalisierung werden die Veränderungskräfte des Marktes immer wirksamer. Unter diesem Mega-Thema lassen sich alle Faktoren zusammenfas sen, die direkt oder indirekt auf Angebot und Nachfrage und damit auf die Preise einwir ken: Bevölkerungsentwicklung und Konsumverhalten hierzulande und weltweit, Export und Import, Beschaffungsmärkte, Arbeitsmärkte, Konzentration auf den vor- und nach gelagerten Stufen, Klimawandel und Energiepreise, Boden- und Pachtpreise, Börsenak tivitäten. Vorhersagen für Preise und Mengen sind aufgrund zunehmender Weltbevölke rung, der Integration in das Weltfinanzsystem und Witterungsschwankungen kaum mehr möglich.

Der Landwirt hat hier die meisten Stellschrauben zur Verfügung: Er kann sich für Wachstum, Spezialisierung oder Diversifizierung entscheiden. Er kann versuchen, durch Kooperationen, antizyklisches Verhalten, weitsichtige Investitionen, Risikomana gement etc. die Schwankungen auf zunehmend volatilen Märkten zu beherrschen und seine Marktstellung zu verbessern. Ob er dabei auf Qualitäts- oder Kostenführerschaft setzt, auf Direktvermarktung oder Öko, muss er individuell entscheiden und umsetzen.
Was für den Landwirt gilt, lässt sich im Wesentlichen auch auf dessen meist genossen schaftliche Vermarktungs- und Verarbeitungsorganisationen übertragen. Auch die Obst und Gemüsemärkte, auch die Molkereien müssen ihre Strategien, Größenordnungen und Produktportfolios wettbewerbs- und zukunftsfähig aufstellen. Hier sei an die Bedeu tung Deutschlands als weltweit drittgrößter (!) Agrarexporteur erinnert.

Der technische Fortschritt hält an
Die Effizienzgewinne durch Nutzung des technischen Fortschrittes gehören zu den er staunlichsten Phänomenen der modernen Landwirtschaft: Mechanisierung und Bio technologie sowie Informations- und Kommunikationstechnologie ermöglichten und er möglichen es auch in Zukunft, mit immer weniger Input immer mehr oder immer besse re Produkte zu erzeugen. Und ein Ende ist nicht in Sicht: Bei Mess- und Regeltechnik, bei Geoinformationssystemen, im innerbetrieblichen Datentransfer, in der Unterneh mensführung und auf den vielen Feldern der tierischen und pflanzlichen Erzeugung wird die Entwicklung weiter gehen. Es werden immer wieder Rationalisierungsreserven zu identifizieren und zu nutzen sein. Neue Produkte und neue Qualitäten wollen entdeckt und vermarktet werden. Ziel muss es sein, zur „frühen Mehrheit“ zu gehören und Pio niergewinne zu realisieren, ehe sich die Preise wieder an die Grenzkosten angepasst haben.

Der Schlüssel zur Nutzung des technischen Fortschritts liegt für den Landwirt wie für alle anderen Berufe in der Bildung und in der Professionalisierung: Aus- und Weiterbil dung, das Nutzen von gezielten Beratungsangeboten, der Besuch von Fachmessen, das Auswerten von Druck- und Internetangeboten sind die Möglichkeiten, die ein Land wirt hat. Wer glaubt, er habe „ausgelernt“, hat die falsche Einstellung und schlechte Kar ten.

Die Regulierung steht unter Druck
Der Trend auf EU-, Bundes- und Landesebene geht in Richtung Liberalisierung und Deregulierung der Märkte. Das liegt nicht nur am Bekenntnis zur sozialen Marktwirt schaft. Sie hat sich per saldo als die beste Wirtschaftsform erwiesen. Auch mit Blick auf die öffentlichen Haushalte werden die Verteilungskämpfe um Prämien und Subventio nen, um Sicherheitsnetze und Einkommensstützen immer härter. Und zwar zwischen den Mitgliedstaaten, zwischen den Branchen und sogar innerhalb der Branche Land wirtschaft - man denke nur an die Konkurrenz zwischen Nahrungsmittel- und Energieer zeugung. Im letzteren Bereich scheinen sich die Fehler überhöhter und wettbewerbs verzerrender Anreize zu wiederholen.

Die Möglichkeiten, auf zunehmend volatile Märkte direkt zu reagieren, sind bereits skiz ziert. Darüber hinaus kann der Landwirt auch auf die regulierenden Rahmenbedingun gen und Mechanismen Einfluss ausüben: Über die Parlamente auf Kommunal-, Landes , Bundes- oder EU-Ebene kann er seine Interessen selbst wahrnehmen oder von ande ren wahrnehmen lassen. Gerade das Europäische Parlament hat durch den Lissabon Vertrag enorm an Macht und Einfluss gewonnen. In einer Konsensdemokratie wie der deutschen haben zudem die berufsständischen Organisationen einen großen Einfluss auf die öffentliche Meinung und politische Willensbildung.

Die Natur ist stärker
Die natürlichen Standortfaktoren sind für jede landwirtschaftliche Erzeugung die Basis. Der Faktor Boden ist das wichtigste Kapital. Die fruchtbaren Flächen werden bei zu nehmender Bevölkerung weltweit knapper. Wohl dem Landwirt, der genug Wasser hat. Der Landaufkauf in großem Stil durch reiche Staaten ist ein Beleg für die wachsende ökonomische Bedeutung des Faktors Boden. Klima und Wetter bestimmen die Produk tionsausrichtung und entscheiden über Erntemenge und Qualität.
Der Haken daran ist, dass der Landwirt diese Faktoren zwar studieren und nutzen, aber nur bedingt beeinflussen kann. Trotz aller Pflege- und Vorbeugemaßnahmen (Erosions schutz, konservierende Bodenbearbeitung), trotz Beregnung, Düngung, Ernteverfrü hung und Pflanzenschutz muss er mit den gegebenen Standortfaktoren, der Güte des Bodens, den jährlichen Niederschlägen, der Sonnenscheindauer und dem Klimawandel leben.

Fazit
Die vergangenen drei Wirtschaftsjahre lieferten einen Vorgeschmack auf volatile Märk te. Auf Winzersekt-Laune folgte Katerstimmung. Hohe Pachtpreise stehen häufig nicht mehr im Verhältnis zu den tatsächlichen Einkommenschancen. Aber die weltweiten Rahmenbedingungen erlauben einen vorsichtigen Optimismus für die Agrar- und Le bensmittelwirtschaft in den gemäßigten Zonen: Fruchtbare Böden, genügend Wasser und ein hohes Know-how der Akteure auf allen Ebenen der Erzeugung, Verarbeitung und Vermarktung eröffnen mehr Chancen als Risiken für nachhaltigen Erfolg am Markt. Und: Deregulierung der Märkte führt verstärkt zu zyklischen Schwankungen. Daher ge winnt für die Unternehmensführung neben Produktivität und Rentabilität die Liquidität immer mehr an Bedeutung. Besonders das Thema Risikoabsicherung verdient mehr Augenmerk als bisher. Jörg Wagner, MWVLW